Karl war zu clever für den Betrüger

Das Berner Wirtschaftsstrafgericht glaubte einem 22-jährigen Polen nicht, dass er sich aus reiner Naivität für einen Enkeltrick in Bern hat einspannen lassen.

Im Couvert befand sich statt der dreissig Tausendernoten nur wertloses Papier.

Im Couvert befand sich statt der dreissig Tausendernoten nur wertloses Papier.

(Bild: iStock/ Symbolbild)

Als ihm ein Berner hinter der Heiliggeistkirche ein dickes Couvert überreichte, glaubte sich der 22-jährige Betrüger am Ziel: 30000 Franken hätten in dem Umschlag sein sollen. Doch es lief nicht nach Plan an diesem 17. Oktober 2018. Kaum wollte der Betrüger mit dem Couvert weggehen, wurde er verhaftet. Das vermeintliche Betrugsopfer hatte die Polizei avisiert. Es glaubte einem unbekannten Anrufer nicht, dass dieser ein Bekannter sei, der kurzfristig in Geldnot geraten sei.

Der Anruf stammte von einem international tätigen Enkeltrick-Clan, der beim Berner mit dem Vornamen Karl* leichte Beute witterte. Karl war aber keineswegs so unbeholfen und naiv, wie die Betrüger aufgrund des altmodischen Vornamens vermuteten. Im Couvert befand sich statt der dreissig Tausendernoten nur wertloses Papier. Der Betrüger, ein junger Pole, der als «Herr David aus Israel» die 30000 Franken hätte in Empfang nehmen wollen, stand am Dienstag vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht.

«Es tut mir so leid. Ich wusste nicht, was ich mache. Geben Sie mir bitte noch eine Chance im Leben», bat der Angeklagte die Gerichtspräsidentin. Sie glaubte ihm nicht, hielt sogar ausdrücklich fest, dass der Angeklagte immer wieder neue «haarsträubende» Geschichten erzählt habe. Etwa, dass er nur ein kleiner ahnungsloser Gehilfe gewesen sei, der dummerweise diesen Auftrag von einem ominösen Bekannten angenommen habe. Erst bei der Festnahme habe er erfahren, dass es sich offenbar um einen Enkeltrick-Betrug gehandelt habe.

Zurück zur Familie

«Was macht das für einen Sinn, wenn Sie von England über Polen und Österreich extra in die Schweiz kommen sollen, nur um ein Couvert abzuholen?», fragte ihn die Richterin. Er habe eben nicht viel Zeit zum Überlegen gehabt, sondern schnell zugesagt. In England habe er kein Geld und keine Stelle, dafür aber eine Frau und eine einjährige Tochter.

Er wolle nun einfach so schnell wie möglich zurück zu seiner Familie nach England, erklärte er. Das dürfte nach den7 Monaten Gefängnis, die er bereits hinter sich hat, nun noch weitere 10 Monate lang dauern. Das Gericht verurteilte ihn zu17 Monaten Gefängnis und sieben Jahren Landesverweis.

Das Verdikt der Richterin lautete eindeutig: «Der Angeklagte ist ein klassischer Kriminaltourist.» Und: «Alles deutet darauf hin, dass er wirklich nichts anderes im Sinn hat, als sein Leben mit Straftaten zu finanzieren.»

Dreist und uneinsichtig

Der Betrüger hatte unter anderem zwei Billighandys ohne GPS-Ortung und drei unregistrierte SIM-Karten bei sich. Obwohl er erst 22 Jahre alt ist, hat er schon ein langes Vorstrafenregister wegen Betrug. Letztmals aktenkundig wurde er 2017. Damals versuchte er in Deutschland mit dem Enkeltrick von einer 75-jährigen Frau 15000 Euro zu erschleichen. Die deutschen Behörden hatten ein Einsehen mit dem Polen und entliessen ihn nach gut 5 Monaten Untersuchungshaft vorzeitig auf Bewährung.

«Wenn jemand nur 7 Monate nach seiner Entlassung, noch dazu in der Bewährungszeit, wieder mit der gleichen dreisten Masche in der Schweiz tätig wird, ist er uneinsichtig und unbeeindruckbar», kam der Staatsanwalt zum Schluss. Der Angeklagte mime den naiven Unwissenden – «wohl im Wissen darum, dass er bald wieder entlassen und weitere Betrugschancen in Österreich, Luxemburg oder Liechtenstein hat».

Die Aussagen des Betrügers seien «gelinde gesagt unglaubwürdig». Die Schweizer Untersuchungsbehörden konnten dem Polen nachweisen, dass er sich schon eine Woche vor dem Enkeltrick in Bern im österreichischen Bregenz auf Abruf bereithielt für allfällige Geldübergaben von übertölpelten Opfern. Er ging dort auch täglich ins Casino – mit einer Ausnahme. An jenem Tag fuhr er über die Grenze in die Schweiz. Und just am selben Tag registrierten die Polizeibehörden, dass ein Mann einer Frau im Thurgau 100 000 Franken abschwatzen wollte, und auch in Wil im Kanton St. Gallen gab es eine Meldung: Eine ältere Frau wurde von einem angeblichen Bekannten angerufen. Er brauche dringend Geld.

* Nachname der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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