Schlüsselszene im Erlacherhof

Bern

Ein Schlüssel, für den es im ganzen Haus kein passendes Schloss gibt, markiert den Wechsel im Erlacherhof. Berns neuer Stadtpräsident Alec von Graffenried hat am Montag sein Büro übernommen.

Schlüsselübergabe im Stadtpräsidium: Während sich Alexander Tschäppät auf mehr Freizeit freuen kann, geht für seinen Nachfolger Alec von Graffenried der Stapi-Alltag los. Video: Martin Bürki

Er sieht zwar schön aus, ist aber nicht echt. Mit dem eisernen Schlüssel kann der Mann rechts nicht eine einzige Tür auf- oder abschliessen. Das Original hat der Hauswart vor Wochen an sich genommen. «Zusammen mit meinem Badge», sagt der Mann links.

Montagmittag im Festsaal des Erlacherhofes, des Sitzes des Berner Stadtpräsidenten. Offizielle Schlüsselübergabe: Der Mann links ist Alexander Tschäppät (SP), der Mann rechts ist Alec von Graffenried (GFL). Der alte und der neue Hausherr posieren für die Fotografen und Kameraleute. Die Männer blinzeln im Blitzlichtgewitter.

Die Nacht war kurz. Für beide. Aus unterschiedlichen Gründen: Neo-Stapi von Graffenried feierte seinen Sieg, tags darauf gab er frühmorgens schon wieder Interviews im Radio. Neo-Rentner Tschäppät dagegen schaute die halbe Nacht fern. American Football: Die Dallas Cowboys verloren gegen die Green Bay Packers. Das dauerte bis halb drei: «Ich geniesse jetzt das Ausschlafen.»

Der Schlüssel wechselt den Besitzer, die Männer gehen rüber ins Stapi-Büro. Man sieht und riecht es sofort: Die Wände wurden frisch gestrichen. Es sei wohl nötig gewesen, wie Tschäppät kokettiert: «Wir haben es nämlich gut eingeraucht.» In Tschäppäts Amtszeit wurde das Büro nicht aufgefrischt, und schon sein Vorgänger Klaus Baumgartner rauchte gerne einen Stumpen.

Von Graffenried setzt sich an seinen Schreibtisch. Ein Telefon, ein Computer, ein Bildschirm, frische Blumen und drei Stapel Unterlagen, einer davon noch im Plastiksack. Die Ausgangslage sieht übersichtlich aus. Nein, das sei jetzt kein «Büroli» mehr, antwortet von Graffenried den Journalisten. Kürzlich bezeichnete er so sein Übergangsbüro.

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Die Sonne scheint ins präsidiale Amtszimmer, passend zur «Krönungsszene» herrscht Kaiserwetter. «Alles sehr neu, sehr schön, sehr frisch.» Der Stapi ist sichtlich zufrieden. Er steht auf, geht im Zimmer umher, der Tross der Fotografen und Filmteams folgt ihm. Eine letzte Fotosession, danach beginnt der Interviewmarathon. Vor allem wie es ihm geht will man wissen.

Es ist sicher nicht mein letzter Austausch mit ihm.Der neue über den alten Stapi

Er fühle sich gewissermassen wie in der Schule, antwortet von Graffenried. Er meint damit jene positive Überraschung, wie man sie verspürt, wenn eine fiese ­Prüfung besser lief als erwartet. Ansonsten können die Gefühle des neuen Stapi mit einem Wort beschrieben werden: surreal. Er müsse sich noch an die neue Situation gewöhnen, sagt er selber.

Seine Agenda hat er noch nicht angeschaut. An diesem Tag trifft Alec von Graffenried zuerst mal die Mitarbeiter seiner Präsidialdirektion. So gesehen, werde es ein ganz normaler Tag. Für die Einwohner der Stadt Bern wiederum bleibt dieser 16. Januar mit vielem in Erinnerung; das Attribut «normal» gehört nicht dazu. Das hat weniger mit dem Stadtberner, sondern vielmehr mit dem chinesischen Präsidenten zu tun. Dieser weilt gerade auf Staatsbesuch in der Bundesstadt, mit entsprechenden Begleiterscheinungen.

Wenn von Graffenried im Erlacherhof das Fenster öffnet, kann er das Gedröhne der Helikopter hören, die im Tiefflug über seiner Stadt kreisen. Die Aktualität, von der der Lärm zeugt, betrifft ihn nun direkt. «Es lief, wie es lief. Man wird darüber diskutieren müssen», sagt er und meint damit wohl auch die Szenen vom Sonntag, als Pro-Tibet-Demonstranten von der Polizei weggebracht wurden, die Chinesen wiederum ungestört ihre Fähnchen schwingen durften.

Staatsbesuche, heikle Demos, Blitzlichtgewitter: Das alles kennt Alexander Tschäppät quasi aus dem Effeff. Von der Erfahrung des alten Stapi will darum auch der neue profitieren, wie er betont: «Es ist sicher nicht mein letzter Austausch mit ihm», sagt von Graffenried. Nur, wo ist er hin? Der eiserne Schlüssel liegt auf dem Tisch, Tschäppät ist weg.

Irgendwann nach der Übergabe, als von Graffenried am Schreibtisch sass und die Fotografen loslegten, muss er gegangen sein. Tschäppät zitierte in der Vergangenheit gerne den französischen Spruch «servir et disparaître». Es ist jene vornehme Maxime, die verlangt, dass Magistraten nach ihrem Rücktritt schweigen. Im Treppenhaus des Erlacherhofs riecht es nach Zigarrenrauch. Es ist ein letzter Gruss aus der Vergangenheit.

Berner Zeitung

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