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In Bern wird auch Wildwuchs gehegt

Über 1000 wild lebende Arten haben sich im Botanischen Garten selbstständig angesiedelt. Das ist das Ergebnis einer Arteninventur, bei der ein Biologe auch eine verschollene Käferart entdeckt hat.

Lebensraum für alle: Im Boga treffen sich Kulturpflanzen, Wildwuchs, Mensch und Tier.
Lebensraum für alle: Im Boga treffen sich Kulturpflanzen, Wildwuchs, Mensch und Tier.
Raphael Moser

Sie zeigen sich nicht. 120 Jahre lang nie in der Schweiz und auch nicht an diesem Mittwochmorgen im Botanischen Garten (Boga) in Bern: die Blattflohkäfer Phyllotreta armoraciae. Fünf Personen umringen die Meerrettichstauden, des Käfers Lebensraum, heben Blätter an und hoffen, eines der leicht gelb gefärbten, circa 3 Millimeter kleinen Insekten zu entdecken. Doch zu sehen sind nur die Frasslöcher in den Meerrettichblättern.

Dennoch, seit letzter Woche ist sicher, dass die in der Schweiz seit 120 Jahren verschollen geglaubte Käferart hierzulande noch vorkommt. Im Rahmen einer gross angelegten Zählaktion hat Biologe und Käferspezialist Christoph Germann den Blattflohkäfer entdeckt. Germann ist einer von über 30 Expertinnen und Experten, die seit Anfang April im Boga Tiere, Moose, Flechten, Pilze und wild gewachsene Pflanzen beobachtet, gezählt und bestimmt haben.

1113 wild lebende Arten gefunden

«Wir wollten einfach mal wissen, was wir hier haben», sagt Katja Rembold, wissenschaftliche Mitarbeitern des Boga und Projektleiterin der Artenerhebung. Dass der Boga über 5500 Pflanzenarten aus aller Welt kultiviert, war bereits bekannt. Um herauszufinden, wie viele wild gewachsene oder zugewanderte Arten dazugekommen sind, habe man verschiedene Institutionen eingeladen, um sich an einer Bestandsaufnahme zu beteiligen.

Das Resultat: Rund ein Sechstel – oder genau 1113 – der im Boga heimischen Arten wurden dort nicht mit Absicht angesiedelt. Dazu zählen Stadtfüchse und Iltisse ebenso wie Weinbergschnecken und Erdkröten, Sommergoldhähnchen und Sumpfmeisen. Auch der Kriechende Günsel, die Trompetenflechte oder die Pilzart Cremeweisser Schütterzahn wachsen im Boga wild.

Der wohl erstaunlichste Fund ist der Blattflohkäfer, doch auch andere Erkenntnisse überraschen: So ist die Artenvielfalt auf den 2,5 Hektaren, die der Boga umfasst, höher als auf der gleichen Fläche im tropischen Regenwald. «Man muss jedoch sagen, dass der Regenwald natürlich gewachsen ist, während wir hier Hand anlegen», relativiert Rembold. Auch die Sichtung von Muschelarten in den Teichen kommt unerwartet. Laut Rembold wurden diese vermutlich durch Vögel dorthin verschleppt.

Gärtnerinnen und Gärtner sorgen für Gleichgewicht

Das Nebeneinander von Kulturpflanzen und Wildwuchs erfordert einen grossen Einsatz der Gärtnerinnen und Gärtner des Boga. Sie jäten, hegen und pflegen Angepflanztes und selbst Gewachsenes und sorgen dafür, dass das eine das andere nicht verdrängt. So müssen zum Beispiel Blütenstände von Pflanzen, die zum Wuchern neigen, vor dem Absamen geschnitten werden, wie Rembold erklärt. Für die Erhaltung der biologischen Vielfalt sind diese Arbeiten unabdingbar.

Aufwendig und deshalb auf einen kurzen Zeitraum beschränkt war auch die Zählung. «Könnte man die Beobachtungen über längere Zeit und durch verschiedene Jahreszeiten hindurch fortführen, wären noch wesentlich mehr Funde zu erwarten», sagt Katja Rembold.

Am 25. Mai ab 18 Uhr können Besuchende den Boga 24 Stunden lang intensiv erkunden. Es gibt Führungen, eine Bastelwerkstatt und Übernachtungsmöglichkeiten im Gewächshaus. Mehr Infos: boga.unibe.ch/24hBiodiversitaet

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