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Ideen aus der Brauerei

Wo früher Bierflaschen abgefüllt wurden, sprudeln heute Ideen. In Teilen der ehemaligen Gurtenbrauerei in Wabern ist ein Innovationszentrum entstanden.

In der Innovationsfabrik: Tomek Sarzynski (links) leitet den Innospace, Steven Henzen von T-Systems Schweiz ist oft hier.
In der Innovationsfabrik: Tomek Sarzynski (links) leitet den Innospace, Steven Henzen von T-Systems Schweiz ist oft hier.
Nicole Philipp

Gleich neben der Talstation der Gurtenbahn weht ein Hauch von Silicon Valley. In der früheren Flaschenabfüllerei der Gurtenbrauerei entwickeln kreative Köpfe Produkte für die Zukunft. Tomek Sarzynski bittet herein: «Hallo, ich bin Tomek.» Man duzt sich, oft fallen englische Wörter. So ist Sarzynski Head of Innospace und Chief Operation Officer der Innoarchitects AG. Er steht also dieser Ideenfabrik vor und ist operativer Leiter der dazugehörenden Firma.

Die kargen Steinböden erinnern an die industrielle Vergangenheit des Gebäudes. Ansonsten aber ist der grosse Raum im Erdgeschoss eingerichtet wie ein Wohnzimmer: Vorne hat es eine kleine Küche mit Kaffeemaschine, Kühlschrank und Mikrowelle, daneben Bistrotische, draussen kann man grillieren. Produktives Co-Living nennt sich diese Vermischung von Wohn- und Arbeitswelt.

So arbeiten zwei Männer mit ihren Laptops auf Barhockern an einem hohen Holztisch. Hinten hat es nur durch Glas abgetrennte Räume. Darin wimmelt es von farbigen Notizzetteln. Mitarbeiter eines Logistikunternehmens sind dabei, Warenflüsse aufzuzeichnen. Man darf seine Ideen sogar auf die Wände schreiben. Und wer mal ganz in Ruhe grübeln will, für den hat es eine kleine Kabine. All dies soll die Innovation befeuern.

Offener Austausch

Sarzynski bittet an einen Sitzungstisch mit zwei Doppelsitzen, es sieht aus wie ein Zugabteil. Mit dabei ist Steven Henzen von T-Systems Schweiz. Er ist mit Mitarbeitern regelmässig im Innospace (siehe Interview). «Das Netzwerk des Innospace ist einzigartig», sagt Sarzynski. Er kommt aus Berlin, hat Volkswirtschaft studiert und als Controller und Innovator in diversen Branchen gearbeitet.

Aus den verschiedensten Branchen kommen nun auch Innovationsteams nach Wabern, von Grossbanken über Detailhändler bis zu Bergbahnen oder Hilfsorganisationen. Der Austausch untereinander gehört zum Konzept, darum das Co-Living. Wer will, kann sich von den Innoarchitects coachen lassen. So hat die Migros Aare hier ein Schnellverpflegungsangebot entwickelt und mit Kunden optimiert. Oder die BLS und der Energieversorger EWB tauschten sich hier aus und starteten einen Versuch mit Ladestationen an Bahnhöfen für Elektroautos.

Oft geht es um die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsideen. Dies sehr fokussiert, dazu können Testpersonen, Experten und Behördenvertreter eingeladen werden: «Ein Kunde sagte, hier erreichen wir in sechs Tagen, was sonst sechs Monate dauert», erklärt Sarzynski.

Sechs Tage dauert ein Boostcamp: Eine Idee wird in dieser Zeit – oft bis in die Nacht hinein – zu einem Prototypen entwickelt und von Kunden getestet. Wer so weit ist, kann das neue Produkt in der Halle im Obergeschoss des Innospace «pitchen»: Die Chefs lassen sich die Innovation präsentieren, dann heisst es Daumen hoch oder runter.

Eigeninitiative statt Berater

Am Anfang können aber auch die Strukturen stehen, damit überhaupt Innovation erfolgen kann. «Start-ups sind fast per se innovativ», hält Sarzynski fest. «In grossen Unternehmen ist man dagegen oft erfolgsverwöhnt, alles dauert ein bisschen länger.» Sein Team befasse sich damit, beim Aufbrechen von Strukturen zu helfen, um mehr Innovation zu ermöglichen. Dies begleitend, nicht wie Beratungsfirmen, die für stolze Summen pfannenfertige Strategien servieren.

Entstanden ist der Innospace vor rund zweieinhalb Jahren auf Initiative dreier ehemaliger Innovationsmanager von Berner Grossfirmen: Pierre-Yves Caboussat (Post) gründete die Firma Innoarchitects, Hannes Burkhalter (Postfinance) und Daniel Ledermann (Swisscom) stiessen kurze Zeit später dazu.

Die «Architekten für Innovation» landeten auf der Suche nach Räumen bei der ehemaligen Gurtenbrauerei respektive bei der heutigen Besitzerin der Immobilien, PSP Swiss Property. Die Post ist noch immer ein wichtiger Partner des Inno-space, ebenso die SBB, der Bürospezialist Witzig und neu T-Systems Schweiz.

Auf die Frage, wie erfolgreich das Unternehmen sich entwickelt hat, verweist Sarzynski auf den Personalbestand: Heute arbeiten bereits 25 Personen, darunter 20 Coaches, bei Innoarchitects. Die Tendenz sei steigend, die Nachfrage gut. Unter den Mitarbeitenden hat es Betriebswirtschafter, Industriedesigner oder auch Musiker. Einige haben bereits selber eine Firma gegründet.

Der Innospace ist gewachsen und mietet nun auch Räume im ehemaligen Ladegebäude der Brauerei. Die Kunden kommen längst nicht nur aus der Region nach Wabern, sondern zum Beispiel auch aus Zürich oder Hamburg. Sieht so aus, als hätte diese Idee gezündet.

Links beim Eingang zur früheren Gurtenbrauerei ist der Innospace. Bild: Nicole Philipp
Links beim Eingang zur früheren Gurtenbrauerei ist der Innospace. Bild: Nicole Philipp

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