«Ich werde einen Schritt auf die Bürgerlichen zumachen»

Das Stadtpräsidium sei kein Karriereprojekt, sondern eine Herzensangelegenheit, sagt Berns neuer Stapi Alec von Graffenried (GFL). Das Rot-Grün-Mitte-Bündnis gehe gestärkt aus den Wahlen hervor.

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Herr von Graffenried, Gratulation zur Wahl. Als Sie das überraschend klare Resultat hörten, sind Sie erschrocken, weil es jetzt Ernst wird?Alec von Graffenried:Mir war der Ernst der Aufgabe schon vorher bewusst. Die Medien sagten immer: AvG hat eine Karriereplanung, er will Stapi werden. Aber so ist es nicht. Mir geht es um die Stadt Bern. Es ist nicht mein privates Karriereprojekt, sondern es geht darum, das Beste für die Stadt zu bringen.

Was bedeutet das Stapi-Amt für Sie persönlich? Ich gebe relativ viel auf, meine Familie muss die Verpflichtung mittragen. Es ist eine riesige Verantwortung, die ich mir da auflade. Ich bin jetzt nicht am Ende einer erfolgreichen Kampagne, sondern stehe am Anfang eines anspruchsvollen Mandats.

Vor rund zwei Jahren sind Sie wegen Überlastung aus der Politik ausgestiegen, jetzt sind Sie Stadtpräsident. Wie ist das ­erklärbar? Vor zwei Jahren bin ich nicht aus der Politik ausgestiegen, sondern ich wollte diese Doppelbelastung nicht mehr. Mit einer Einfachbelastung kann ich gut leben. Die Idee des Stadtpräsidiums wurde im Sommer 2015 an mich herangetragen. Für mich war damals klar, dass Ursula Wyss Stapi wird. Es kamen dann jene Stimmen, die sagten, ich müsse es machen. Dass RGM eine Auswahl bieten muss, war auch meine Überzeugung. Es war ausserhalb des Bündnisses niemand erkennbar, der einen Wahlkampf um das Stadtpräsidium hätte führen können. Wenn das Bündnis Bestand haben wollte, musste es diese Konkurrenz innerhalb des eigenen Lagers zulassen.

Der Wahlkampf dauerte lange, war teils gehässig. Aber es war kein polarisierter Wahlkampf. Wir konnten den Respekt wahren, können uns entsprechend heute in die Augen schauen. Und können von der ersten Sekunde an zusammen arbeiten.

Aber es bleiben viele Emotionen zurück. Klar, Emotionen sind immer dabei. Auch bei mir, bei allen. Aber es ging ja auch um viel, auch für die SP. Sie wollte das Stadtpräsidium behalten. Und schaffte es nicht.

Wie stark belasteten die Wahlen das RGM-Bündnis? RGM hat sich sehr bewährt, mit einem grösseren Wähleranteil als je zuvor. Und ging gestärkt aus den Wahlen hervor. Das zeigt, dass die Konkurrenz innerhalb des Bündnisses sehr weit gehen kann. Wir haben alle ein Interesse, dass es mit RGM weitergeht.

20 Prozent der Stimmberechtigten werden im Gemeinderat nicht mehr vertreten sein, weil die Bürgerlichen fehlen. Besorgt Sie das? Ja, absolut, es wird wichtig sein, dass sich die Freisinnigen und die SVP zu einem frühen Zeitpunkt einbringen können, dass sie ihre Sorgen formulieren können. In den 90ern bekämpften die Bürgerlichen jedes Budget, das war eine schwere Belastung. Ich persönlich werde in manchen Fragen einen Schritt auf die Bürgerlichen zumachen

In welchen Bereichen wird das sein? Dies betrifft sicher die Finanzen, die Stadt- und Verkehrsentwicklung. Dort müssen sich die Bürgerlichen auch gehört fühlen.

Haben Sie Signale, dass das funktionieren könnte? Ich vertraue auf meine Fähigkeiten, es wird funktionieren. Es wird Abstimmungsvorlagen geben, da wird man sich gegenüberstehen. Aber das ändert nichts daran, dass man alle Kräfte frühzeitig integrieren muss. Und überhaupt: Ich sehe die grossen Herausforderungen nicht innerhalb der Stadt, sondern in der Zusammenarbeit mit der Agglomeration und mit dem Kanton. Dass Bern ein Zentrum ist für die Region, den Kanton und die ganze Schweiz.

Sie machten ein hervorragendes Resultat, was hohe Erwartungen an Sie weckt. Wie gehen Sie damit um? Das Einzige, was ich versprechen kann, ist, dass ich mit Haut und Haar und mit 100 Prozent meiner Kraft und meines Lebens für die Stadt Bern einstehen werde. Diese Erwartung darf und will ich nicht enttäuschen. Ob es politisch so herauskommt, wie erwartet wird, weiss ich auch nicht. Wichtig ist, dass man den Leuten erklären kann, warum man etwas macht. Und auch, warum man etwas nicht macht. Und das ist etwas, das mir bisher immer leichtgefallen ist.

Sie sind als erster Grüner Berner Stadtpräsident, das ist ja auch ein nationales Zeichen. In Lausanne und Basel ist es schon so. Aber klar, Bern ist die Hauptstadt und zugleich die grünste Stadt der Schweiz. Wir haben schweizweit den höchsten grünen Wähleranteil. Bernerinnen und Berner sind alle in ihrem Herzen auch ein bisschen grün.

Was für einen Stil kann man von Ihnen als Stapi erwarten? Ich werde mich nicht verdrehen, sondern mich selber bleiben.

Werden Sie der erste Stadtpräsident sein, der auch mal über ­Social Media mit den Bürgern kommuniziert? Ich werde der erste Stapi sein, der einen PC bedienen kann. Meine Website werde ich wohl weiterführen, Twitter werde ich sein lassen. Davon bekommt man sicher einen frühen Herzinfarkt.

Ab heute sind Sie Stadtpräsident, Herr von Graffenried. ­Werden Sie schlaflose Nächte haben? Nein. Wenn ich mich hinlege, bin ich immer sofort weg.

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