«Ich studiere den Zufall»

Hoher Besuch in Bern: Martin Hairer war Gast an den diesjährigen Einstein Lectures der Universität Bern und der Albert-Einstein-Gesellschaft. Der Mathematiker ist Träger der Fields-Medaille, die als Nobelpreis der Mathematik gilt.

Martin Hairer berechnet, wie sich Waldbrände ausbreiten.

Martin Hairer berechnet, wie sich Waldbrände ausbreiten.

(Bild: Stefan Anderegg)

Jedes Jahr stellt ein angesehener Forscher seine Arbeit an den Einstein Lectures (siehe Kasten) vor. Wieso wurden dieses Jahr gerade Sie eingeladen?Martin Hairer:Gute Frage (lacht). Wahrscheinlich, weil ich vor zwei Jahren die wichtigste mathematische Auszeichnung – die Fields-Medaille – gewonnen habe. Und natürlich habe ich gute Beziehungen zur Schweiz. Ich bin in Genf geboren und habe dort studiert.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit stochastischen partiellen Differenzialglei­chungen. Was muss man sich darunter vorstellen?Diese Art von Gleichungen beschreiben Objekte, die von Raum und Zeit abhängen und gleichzeitig zufällig sind.

Als Beispiel nennen Sie oft den Verlauf einer Feuerfront.Genau. Man könnte sich etwa einen Waldbrand vorstellen. Das Feuer breitet sich nicht in einem perfekten Kreis aus, sondern verläuft zufällig. Stochastische partielle Differenzialgleichungen beschreiben zum Beispiel diese Ausbreitung.

Sie berechnen also den Zufall?Ja. Oder besser gesagt, ich studiere den Zufall.

Können Sie der Feuerwehr ­sagen, wie sich der Waldbrand ausbreitet?Nein. Aber es geht mir auch nicht um den konkreten Nutzen. Hätte ich etwas machen wollen, das einen Nutzen für den Alltag hat, hätte ich mich der Physik oder der Informatik zugewandt. An der Mathematik interessiert mich die Schönheit, denn nur sie ermöglicht es, Dinge vollständig zu verstehen.

Waren Sie der Erste, der den ­Zufall berechnet?Wahrscheinlichkeitstheorie, also die Mathematik des Zufalls, gibt es schon seit langer Zeit. Die Gleichungen, die mich interessieren wurden bereits in den 1980er-Jahren aufgestellt. Das Problem dabei war, dass nicht klar war, was die Gleichungen eigentlich bedeuten.

Das müssen Sie erklären.Lösungen dieser Gleichungen werden in Kurven dargestellt. Aus stochastischen Differenzialgleichungen resultieren aber keine glatten Kurven, sondern wild gezackte.

Und das ist ein Problem?Teile der Gleichungen für solche gezackte Kurven sind unendlich gross. Man könnte also denken, dass sie keinen Sinn ergeben. Meine Arbeiten erlauben es, solchen Gleichungen einen Sinn zu geben und sie zu verstehen.

Sie wurden dafür mit der renommierten Fields-Medaille ausgezeichnet. Haben Sie damit gerechnet?Ich wusste, dass das Interesse an meiner Arbeit gross war und das Komitee mich im Auge hatte. Aber gross daran gedacht habe ich während meiner Arbeit nicht.

Sind Ihnen solche Auszeichnungen wichtig?Es gibt sicher Leute, denen solche Preise sehr wichtig sind. Bei mir ist das weniger der Fall. Trotzdem war die Freude natürlich gross, als ich gewonnen habe.

In manchen Fachbereichen sind Preise wichtig. Beispielsweise, damit man später mehr Forschungsgelder bekommt.In der Mathematik sind Forschungsgelder nicht so wichtig. Die Auszeichnungen dienen eher dazu, die Forschung einem Publikum näher zu bringen.

Brauchen Mathematiker keine Forschungsgelder?Das Problem mit solchen Geldern ist, dass die Politik in grosse, prestigeträchtige Projekte investieren will. Es werden Millionenbeträge an einzelne Forscher verteilt, die an Vorzeigeprojekten arbeiten. Mathematiker verfolgen aber meist kleinere Projekte. Alles, was wir dazu benötigen, sind ein Laptop und eine Tafel.

Das klingt bescheiden.Für uns wäre wichtiger, dass alle ein Stück vom Kuchen erhalten. Besonders junge Mathematiker haben kaum finanzielle Mittel. Die Fördergelder sollten zumindest die Reisekosten decken, damit man an Tagungen teilnehmen und sich mit anderen Forschern austauschen kann.

Apropos Reisen. Sie leben in Grossbritannien, machen Sie sich Sorgen wegen des Brexit?Ja und nein. Persönlich mache ich mir keine Sorgen. Für die Wissenschaft in Grossbritannien aber schon. Es könnte schwieriger werden, an den europäischen Forschungsprogrammen teilzunehmen. Weder die britische Regierung noch die EU weiss, wie es weitergeht. Das verunsichert.

Macht sich diese Verunsicherung bereits bemerkbar?Man hört Geschichten. Zum Beispiel, dass Projektgruppen britische Mitglieder ausschliessen, wenn Sie Forschungsgelder beantragen wollen. Probleme gibt es in Grossbritannien aber bereits seit längerer Zeit. Der Brexit ist nur ein Symptom.

Wovon?Es herrscht eine generelle Ausländerfeindlichkeit. Ich meine damit nicht persönliche Angriffe, aber zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Einreise. Es passiert immer wieder, dass ausländische Forscher nicht an Tagungen teilnehmen können, weil sie keine Visa bekommen. Die Anträge werden zwar nicht abgewiesen, aber es kommt oft zu Verzögerungen.

Was hat Sie von Genf nach Grossbritannien verschlagen?Es ist bei Wissenschaftlern generell so, dass sie nach dem Studium ins Ausland gehen. Für meine Forschungen, die vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wurden, war dies sogar eine Bedingung. Für Warwick sprachen aber auch noch andere Gründe.

Und die wären?Cherchez la femme... (lacht). Meine damalige Freundin und jetzige Frau hatte damals eine Stelle in Nottingham. Sie ist auch Mathematikerin.

Genauso wie Ihr Vater.Möglicherweise hatte das Einfluss auf meine Berufswahl. Wie jedes Kind wollte ich wissen, was mein Vater arbeitet. Und er hat mir jede Frage beantwortet. Er hat mich aber nie bewusst zur Mathematik gelenkt.

Wann wurde Ihr Interesse für Mathematik geweckt?Ich interessierte mich schon früh für die exakten Wissenschaften. Ob ich aber etwas mit Mathematik, Physik oder Informatik machen will, wusste ich als Jugend­licher noch nicht. Ich habe dann zuerst Physik studiert – vielleicht auch gerade, weil mein Vater Mathematiker ist.

Trotzdem fassten Sie den Beschluss, Mathematiker zu ­werden.In der Mathematik kann man die Dinge bis zum letzten Punkt verstehen. Wenn ich als Mathematiker eine Theorie beweisen kann, gilt sie für die Ewigkeit – eine ewige Wahrheit quasi. In der Physik hingegen ist das weniger klar.

Die Physik ist flatterhaft?Nein, sicher nicht! Physiker nehmen Gleichungen aber nicht immer so wörtlich. Ihnen ist das physikalische Verständnis wichtiger als das mathematische.

Vielen Menschen fehlt es generell am mathematischen Verständnis.Das ist wohl so. Es ist auf jeden Fall nicht einfach, mit Nichtmathematikern über meine Arbeit zu sprechen.

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