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«Ich fühle die Energie von Jerewan»

Am Dienstag erlebt der Volksaufstand in Armenien wohl seinen Höhepunkt, ­Nikol Paschinjan soll Regierungschef werden. In Wichtrach fiebert die ­Armenierin Gayane Schmid mit.

«Jetzt passiert es.» Gayane Schmid hofft, dass sich in Armenien das Feuer der Jugend durchsetzt.
«Jetzt passiert es.» Gayane Schmid hofft, dass sich in Armenien das Feuer der Jugend durchsetzt.
Raphael Moser

Es geschah am 18. April. Seit ein paar Tagen gingen in der armenischen Hauptstadt Jerewan Zehntausende Menschen auf die Strasse, um gegen Ministerpräsident Sersch Sarkisjan zu protestieren.

Über Facebook wurden Live­streams von riesigen und doch­ ­familiären Demos an Jerewans heller Frühlingssonne in die Welt gesendet. Gayane Schmid Babayan (31), die mit ihrem Mann und drei Kindern in Wichtrach lebt, klinkte sich via Smartphone ein.

«Jetzt passiert es», habe sie ihrem Mann, einem Schweizer, gesagt. «Das hast du schon oft gemeint», entgegnet dieser. Aber er schaltete sich ebenfalls zu. Sarkisjan trat ab, die Familie Schmid Babayan war live dabei. «Unglaublich.»

Am 1. Mai, dem Tag des ­Generalstreiks, schaute Gayane Schmid am Handy die gestreamte Debatte im armenischen Parlament, «zum ersten Mal in meinem Leben», über acht Stunden lang. Und gleichzeitig mit über 200'000 Personen auf dem Platz der Republik in Jerewan. ­«Unglaublich», wiederholt sie. Der Geist der Samtenen Revolution, wie Oppositionsführer ­Nikol Paschinjan die armenische Protestbewegung nennt, weht auch in Wichtrach.

Jerewan in Wichtrach

Gayane Schmid wurde in Jerewan geboren, als Armenien noch zur Sowjetunion gehörte, und als sie 20 Jahre alt war, wanderte sie mit ihrer Tochter und den Eltern nach Belgien aus. Angesichts der wirtschaftlichen Dauerkrise und der notorischen Korruption im ­inzwischen selbstständigen Staat, dessen Grenzen zu den Nachbarländern Türkei und Aserbeidschan geschlossen sind, konnten sie sich ihre Zukunft in Armenien nicht vorstellen.

Gayane Schmid wünschte sich, sagt sie, in einem Land zu leben, in dem die Menschenrechte respektiert würden und die Gleichstellung von Mann und Frau angestrebt werde. 2011 zog die Betriebsökonomin mit ihrem heutigen Mann in die Schweiz. Sie spricht Armenisch, Russisch, Englisch, Flämisch und Deutsch.

«Ich bin eine stolze Armenierin», sagt sie, «aber was ich jetzt spüre, ist sogar für mich unglaublich. Die Energie vom Platz der Republik in Jerewan, ich fühle sie selbst in Wichtrach.»

Hebel der sozialen Medien

Eine kräftigere Hebelwirkung der sozialen Medien als im Fall von Armenien ist fast nicht vorstellbar: Der kaukasische Kleinstaat hat nur rund drei Millionen Einwohner, weltweit verteilt in der sogenannten Diaspora leben aber fast acht Millionen Armenier, die den Volksaufstand auf Instagram, Facebook und Twitter unterstützen – darunter globale Promis wie der amerikanische Realitystar Kim Kardashian oder die Sängerin Cher.

«Viele Armenier auf der ganzen Welt haben wie ich auf diesen Moment gewartet», sagt Gayane Schmid. In Armenien gebe es Kinder, die hungrig ins Bett ­gehen würden, die Jugendlichen, ­obschon gut ausgebildet, fänden keine Arbeit, Pensionierte, die ein ­Leben lang gearbeitet hätten, ­erhielten eine Rente, die kaum der Rede wert sei.

Und über allem wache eine politische Elite, die vor allem mit Vitamin B funktioniere. «Die Leute haben genug und gleichzeitig nichts zu verlieren», sagt Gayane Schmid. Das gebe dem Aufstand die Kraft.

Demo auf dem Bundesplatz

Und dann sei da diese Superfigur Nikol Paschinjan, der politische Führer des Aufstands, der, wie Gayane Schmid findet, «den Schlüssel zu den Herzen der Leute hat». Sie selber habe im Internet recherchiert wie wild, um ihn besser kennen zu lernen. Heute ist sie überzeugt, dass er die richtige Figur im richtigen Moment sei. Dank dieser fast magischen Konstellation sei die armenische Revolution bis jetzt friedlich geblieben.

«Die Energie vom Platz der Republik in Jerewan fühle ich auch in ­Wichtrach.»

Gayane Schmid Babayan

Als Paschinjan am 22. April von Sicherheitskräften in Jerewan während einer Demo in ein Auto gezerrt wurde, hielt Gayane Schmid und ihr Mann Lorenz nichts mehr zurück. «Innerhalb einer Stunde organisierten wir uns mit ein paar Freunden und fuhren nach Bern auf den ­Bundesplatz.»

Eine kleine ­Demonstration sei es gewesen, «Free ­Nikol» und «SOS Arme­nia», aber ihr sei klar gewesen, «wir müssen jetzt alles tun, was hilft. Jeder und jede zählt.» Daran habe sich nichts geändert.

Paschinjan wurde wieder freigelassen, und heute witzelt Gayane mit ihren armenischen Freundinnen und Bekannten in der Schweiz und in Armenien über ihre neue Nähe: «Dank Nikol ­haben wir plötzlich jeden Tag Kontakt.»

Sie hofft, dass am Dienstag das lange Unvorstellbare ­ge­schieht und Paschinjan zum Regierungschef gewählt wird. Aber auch, dass allen bewusst sei: ­«Nikol ist kein Zauberer. Ein Mann allein ändert nichts. Jeder und jede in Armenien und auch hier in der Diaspora muss ihren Beitrag leisten.»

Jerewan, mit eigenen Augen

Wenn sie über ihr Smartphone den Leuten in Jerewan in die ­Augen schaue, spüre sie, ihnen sei genau das bewusst. Die junge ­Generation, die diesen Aufstand vorantreibe, wisse – jetzt oder nie. «Ich liebe meine Heimat», sagt Gayane Schmid, «aber sie machte mich auch traurig. Denn wenn man im Westen überhaupt von Armenien sprach, dann meistens wegen Problemen.»

Jetzt, auf einmal, trete ein ­Armenien auf die Weltbühne, smart, dezidiert, cool, anziehend. Plötzlich könne sie sich vorstellen, dass ihre Kinder einmal nach Jerewan zögen und sie als Mutter ein gutes Gefühl dabei habe: «Unglaublich.» Und ja, Gayane Schmid will es sehen, das neue Armenien. Mit eigenen Augen. ­So bald wie möglich, live in Jerewan.

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