Hauslieferdienst kam nie ins Rollen

Bern

Im September 2007 wollte der Gemeinderat einen Velo-Hauslieferdienst lancieren, zwei Jahre später nicht mehr. Auf Geheiss des Stadtrats musste er die Idee weiter verfolgen, die nun definitiv auf dem Schrotthaufen der Geschichte landen soll.

Es bleibt bei der Idee: Ex-Gemeinderat Stephan Hügli (FDP) machte im September 2007 Werbung für einen Velo-Hauslieferdienst.

Es bleibt bei der Idee: Ex-Gemeinderat Stephan Hügli (FDP) machte im September 2007 Werbung für einen Velo-Hauslieferdienst.

(Bild: Nadia Schweizer)

Christoph Hämmann

Sie ist ein Lehrstück für voreilige Propaganda und darüber, wie viel Arbeit man sich damit einbrocken kann: Die Geschichte der Idee, in Bern einen Velo-Hauslieferdienst einzuführen.

Die Geschichte beginnt am 22. September 2007 am Umwelttag «Bern bewegt». Gut zwei Wochen vor der gewalttätigen Anti-SVP-Demo, die ein Jahr später zu seiner Abwahl führte, schien für den freisinnigen Sicherheitsdirektor Stephan Hügli noch die Sonne. Kurzärmlig schwang er sich aufs Fahrrad und warb für einen Velo-Hauslieferdienst.

Anfang 2008 liess die Stadt verlauten, sie wolle den Aufbau finanzieren, bevor der Hauslieferdienst mittelfristig selbsttragend werde. Die nächsten Neuigkeiten zum Projekt kamen gut eineinhalb Jahre später: Wegen fehlender finanzieller und personeller Ressourcen verzichte er auf die Einführung eines Velohauslieferdienstes, teilte der Gemeinderat im September 2009 mit.

«Absolut unverständlich»

Noch im gleichen Monat versuchte der damalige SP-Stadtrat Beat Zobrist mit einem Vorstoss, der Totgeburt doch noch Leben einzuhauchen. Der Verzichtsentscheid sei «aus mehreren Gründen absolut unverständlich», schrieb Zobrist. Erstens hätten Fachleute das Projekt so weit bearbeitet, «dass heute die Umsetzungsphase eingeleitet werden könnte». Zweitens könne es als Arbeitslosenprojekt dank Mitfinanzierung des Kantons und des Innenstadt-Gewerbes mittelfristig selbsttragend werden. Drittens funktionierten in anderen Städten mit Arbeitslosen betriebene Hauslieferdienste.

Gerade weil immer mehr junge Menschen keine Arbeit hätten, sei es unbegreiflich, dass das städtische Kompetenzzentrum Arbeit die für das Projekt benötigten zehn bis fünfzehn arbeitslosen Personen nicht stellen könne.

Im Mai 2010 behandelte der Stadtrat Zobrists Motion und erklärte sie erheblich.

Jedes Jahr eine Million minus

Wieder zwei Jahre später, im Mai letzten Jahres, lag die Antwort des Gemeinderats vor. Für die berufliche Wiedereingliederung sei es zentral, dass sich ein Programm möglichst nahe am ersten Arbeitsmarkt orientiere, heisst es darin. Deshalb haben die arbeitsmarktnahen Angebote des Sozialamts laut Gemeinderat mehr Potenzial für einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt als ein Velo-Hauslieferdienst, weil dieser kaum zu einer beruflichen Qualifizierung führe. In Burgdorf und Biel, wo ähnliche Projekte funktionierten, erfolge die Arbeitsintegration weniger arbeitsmarktnah und effizient als in Bern. Allerdings liege dort auch die Integrationsquote «klar tiefer», schreibt der Gemeinderat.

Doch nicht nur sozialpolitisch, auch finanziell spricht für den Gemeinderat einiges gegen einen Velo-Hauslieferdienst. Der Business-Plan wies bei Ausgaben von rund 1,2 Millionen Franken ein Defizit von fast einer Million Franken pro Jahr aus. Während für Kunden ein Preis für eine Lieferung von fünf Franken vorgesehen war, errechnete die Stadt effektive Kosten von 60 Franken pro Lieferung. In kleineren Städten profitierten ähnliche Projekte von Synergien und könnten bei vorhandener Infrastruktur personelle Überkapazitäten nutzen, so die gemeinderätliche Analyse.

Wenn es nach dem Gemeinderat geht, endet die Geschichte an der nächsten Stadtratssitzung vom 24. Januar. Der Gemeinderat beantragt dem Parlament, «die erheblich erklärte Motion als nicht erfüllbar abzuschreiben».

Berner Zeitung

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