Günstiger Wohnraum: Stadt will Häuser kaufen

Bern

Berns Gemeinderat bläst zur Offensive auf dem Immobilienmarkt. Zuletzt investierte die Stadt 14 Millionen in den Kauf und die Sanierung von Liegenschaften. Wenn es nach Rot-Grün-Mitte geht, ist dies aber erst der Anfang.

Sieben neue städtische Wohnungen, im Erdgeschoss Büro- oder Geschäftsfläche: Die Stadt saniert das Morellhaus an der Postgasse 14 und baut es um.

Sieben neue städtische Wohnungen, im Erdgeschoss Büro- oder Geschäftsfläche: Die Stadt saniert das Morellhaus an der Postgasse 14 und baut es um.

(Bild: Stefan Anderegg)

Christoph Hämmann

In seinen vier Jahren als städtischer Finanzdirektor geriet Alexandre Schmidt (FDP) nie in Verdacht, dass ihm viel daran lag, das Angebot günstiger Wohnungen zu mehren. Regelmässig forderte Mitte-links, die Stadt solle 1000 Wohnungen als «günstigen Wohn­raum mit Vermietungskriterien (GÜWR)» zur Verfügung stellen – die Zahl verharrte auf unter 500.

Stattdessen weibelte Schmidt im Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik dafür, im Morellhaus nach dem Auszug des Ratssekretariats Businessapartments einzurichten. Mit dieser «rein profitorientierten Politik» würde die Stadt dem Immobilienmarkt «ein fatales Zeichen» geben, kritisierte die Linke – und verlangte, dass die Stadt das Haus an der Postgasse nur sanft renoviere.

Dies soll nun passieren, wie der Gemeinderat am Montag mitteilte. Als GüWR-Objekte können die neuen Altstadtwohnungen zwar nicht vermietet werden. Doch immerhin sollen für die sieben 2- und 3-Zimmer-Wohnungen, die im Haus realisiert werden, bloss«moderate Mietzinsen» verlangt werden. Für die Sanierung und den Umbau des denkmal­geschützten Morellhauses hat der Gemeinderat einen Kredit von 4,2 Millionen Franken genehmigt.

Günstiger Wohnraum im Fokus

Dies ist nur eine von mehreren Neuigkeiten, die der Gemeinderat unter dem Titel «Wohnen für alle» vermeldete. In seiner neuen Zusammensetzung mit vier Rot-Grün-Mitte-Sitzen und der Finanzdirektion in SP-Hand bläst er zur eigentlichen Offensive auf dem Wohnungsmarkt.

Insgesamt haben der Gemeinderat und die Betriebskommission des Wohnbaufonds zuletzt 14 Millionen Franken «für die Sanierung von Wohnliegenschaften und die Erweiterung des Immobilienportfolios» gesprochen. Damit soll insbesondere das GÜWR-Segment gestärkt werden, schreibt der Gemeinderat.

Im Stöckacker erwarb die Stadt an der Werkgasse zwei neben­einanderliegende Häuser; eins für 1,5 und eins für 2,6 Millionen. Darin sollen künftig 18 GÜWR-Wohnungen angeboten werden. Im Kleefeld saniert die Stadt drei Häuser für insgesamt 3 Millionen Franken, deren Wohnungen auch nach der Sanierung im GÜWR-Segment vermietet werden.

Ebenfalls im Westen, an der ­Stöckackerstrasse, kaufte die Stadt für 1,3 Millionen ein Mehrfamilienhaus «mit Potenzial für vier 3-Zimmer-Wohnungen im GÜWR-Segment». Für weitere 1,5 Millionen soll in der Lorraine ein Wohnhaus saniert und erweitert werden.

60 Millionen für Hauskäufe

Es sei nicht so, dass in der letzten Legislatur im GÜWR-Segment nichts passiert sei, sagt Finanz­direktor Michael Aebersold. «Doch jetzt haben wir uns intensiv mit dem Auftrag befasst, zusätzliche günstige Wohnungen bereitzustellen.» Die Haupterkenntnis: In bestehenden Liegenschaften können eher preisgünstige Wohnungen realisiert werden als in Neubauten. «Wenn möglich versuchen wir städtische Liegenschaften deshalb so zu renovieren, dass die Wohnungen anschliessend im GÜWR-Segment vermietet werden können», sagt Aebersold.

Um überhaupt über genügend Altbauten zu verfügen, tritt die Stadt zudem als Käuferin auf. «Wir sind jetzt aktiv auf dem Wohnungsmarkt und versuchen, geeignete Objekte zu erwerben.» Dabei gelte es selbstverständlich zu vermeiden, dass die Stadt den angespannten Immobilienmarkt zusätzlich anheize, so Aebersold: «Ich bin vehement dagegen, dass die Stadt ein Objekt überteuert kauft.»

Stattdessen vertraut er unter anderem darauf, dass sich verkaufswillige Hausbesitzer direkt und mit vernünftigen Angeboten an die Stadt wendeten, wie dies beim Haus an der Stöck­ackerstrasse geschehen sei. «Wenn ein Haus an den Meistbietenden geht, kommt die Stadt als Käuferin kaum infrage.»

Eine Mehrheit von 43 Stadtratsmitgliedern von SP/Juso, GB/JA und GFL/EVP unterschrieb vorletzte Woche einen Vorstoss, der dem Wohnbaufonds noch viel grössere Mittel in die Hand geben will – auch sie vor allem mit Blick auf das GÜWR-Segment.

Damit der Fonds aktiv auf dem Markt auftreten kann und dabei Geschäfte nicht gleich dem Parlament oder dem Volk vorlegen muss, soll dem Volk ein Rahmenkredit von 60 Millionen Franken für den Zeitraum von 2019 bis 2022 vorgelegt werden. «Der Vorstoss ist für die Stadt eine grosse Chance», sagt Aebersold erfreut.

Berner Zeitung

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