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«Goldener Schuss» erfolgte laut Gericht ohne Absicht

Es geschah ohne Absicht: So beurteilte das ­Gericht den Fall einer 27-jährigen Drogenabhängigen, die einem Alkoholkranken einen Drogencocktail spritzte. Dieser starb an dessen Folgen.

«Im Zweifel für die Angeklagte»: Viele Fragen konnten nicht beantwortet werden.
«Im Zweifel für die Angeklagte»: Viele Fragen konnten nicht beantwortet werden.
Andreas Wolfensberger

Vor bald zwei Jahren spielte sich unter der Kirchenfeldbrücke ein ­Drama ab: «Zwei suchtkranke Menschen sind an jenem Abend zusammengetroffen, und dieses Zusammentreffen hat in einer Tragödie für beide geendet», fasste der Gerichtspräsident gestern das Geschehen vom 4. November 2016 zusammen.

Der schwer ­alkoholabhängige Mann, der damals in der Aarbergergasse jemanden suchte, der ihm einen Schuss setzte, starb an einer Überdosis. Die schwer drogen­abhängige Frau, die sich auf den Handel eingelassen hatte und ihm die Drogen spritzte, wurde gestern verurteilt und muss nun zur Suchttherapie in eine ­geschlossene Klinik.

Die zentrale Frage, welche das Regionalgericht Bern-Mittelland zu beurteilen hatte, lautete: Wusste die 27-Jährige, dass die Spritze mit einem halben Gramm Heroin und einem Viertelgramm Kokain für den Mann tödlich sein würde, oder wusste sie es nicht? Oder war es ihr einfach egal gewesen, wie die Anwältin der Hinterbliebenen ins Feld führte?

Frau erfüllte eine Bitte

«Es ist ein ungewöhnlicher Fall», fand der Gerichtspräsident. «Weil keine Variante ganz plau­sibel aufgeht.» Eigentlich, fuhr er fort, hätte die Angeschuldigte doch einfach das Geld nehmen können, das ihr das Opfer an ­jenem Abend anbot, und hätte ­damit verschwinden können. «Das wäre für alle das Beste ­gewesen.»

Doch die seit mehr als zehn Jahren drogenabhängige Frau wählte aus einem unerfindlichen Grund nicht diese für sie einfachste Möglichkeit. Sie besorgte wie versprochen Heroin und ­Kokain und ging mit dem betrunkenen Mann an den Frickweg unter der Kirchenfeldbrücke. Dort zog sie zwei Spritzen auf: Eine mit Heroin, die andere mit einem Heroin-Kokain-Gemisch. Die Letztere spritzte sie dem Mann in die Armbeuge. Der Mann war Drogen nicht gewohnt. Er lief blau an, sackte zusammen und starb trotz Wiederbelebungsmassnahmen der Sanitätspolizei.

Gericht muss mutmassen

Das Opfer sei mutmasslich ­lebensmüde gewesen und habe die Frau um den «goldenen Schuss», also eine tödliche Überdosis, gebeten. Zu diesem Schluss kam das Gericht, weil der Mann Alkoholiker war, schon etliche Entzüge und einen Selbstmordversuch hinter sich hatte und psychisch angeschlagen war.

Was an jenem Abend dann tatsächlich geschah, konnte das ­Gericht nicht herausfinden. «Wir haben keine Beweise dafür, dass die Beschuldigte das Opfer wirklich in den Tod schicken wollte oder dass sie den Tod des Mannes zumindest in Kauf genommen hat», befanden die Richter. Deshalb ging das Gericht bei seinem Urteil von der mildesten Variante aus: dass nämlich die Beschuldigte gar nicht vorgehabt hatte, den Wunsch zu erfüllen, sondern ­extra zwei Spritzen vorbereitet hatte: eine schwache Dosis mit Heroin für den Mann und eine stärkere mit einem Heroin­Kokain-Gemisch für sich selber.

Es war fahrlässige Tötung

Doch dann habe sie möglicherweise irrtümlich den Drogencocktail, der für drogenungewohnte Menschen tödlich ist, dem Opfer statt sich selber gespritzt. «Es war wohl schon dunkel an jenem Novemberabend. Da ist es schon möglich, dass sie die zwei Spritzen verwechselte», erklärte der Gerichtspräsident gestern.

Er führte ausserdem ins Feld, dass die Frau immerhin die Sanitätspolizei alarmierte, als sie nach der Spritze feststellte, dass es dem Mann schlecht ging. Das Gericht wertete die Tat deshalb als fahrlässige Tötung. 34 Monate Gefängnis lautete das Urteil. Doch vorerst ist diese Strafe aufgeschoben, da die schwer abhängige Frau für eine Suchtbehandlung in eine geschlossene Klinik eingewiesen wird.

Das Leben der Verurteilten war bisher «eine Katastrophe», wie es der Gerichtspräsident ausdrückte. Der Vater unbekannt, die Mutter drogensüchtig, die Frau selber ohne Ausbildung und seit über zehn Jahren drogen­abhängig. Das Geld für den Stoff beschaffte sie sich auf dem Strich, mit Diebstählen und mit Einbrüchen. Eine gute Prognose vermochte ihr niemand zu stellen.

Die hinterbliebene 12-jährige Tochter des Opfers erhält eine Genugtuung in Höhe von 15 000 Franken.

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