Gipfeli-Gate vor dem Gurtenfestival

Wabern

Wenn sich die Festivalgänger auf den Heimweg machen, öffnet unten an der Talstation die Bäckerei Aegerter die Türen. Drei Jahre lang ging das gut so – doch diesmal verbietet der Kanton den Verkauf ab 2 Uhr in der Früh.

Keine Nussgipfel frühmorgens: Barbara Aegerter darf das Schild erst um 6 Uhr rausstellen.

Keine Nussgipfel frühmorgens: Barbara Aegerter darf das Schild erst um 6 Uhr rausstellen.

(Bild: Raphael Moser)

Stephan Künzi

Gurtenheimkehrer, die für ein frisches Gipfeli oder ein frisches Weggli Schlange stehen – das vertraute Bild wird sich während der anstehenden Festivaltage nicht wiederholen. Denn die Bäckerei Aegerter, die gleich unterhalb der Talstation der Gurtenbahn geschäftet, wird geschlossen sein. Schuld ist der Kanton: Er hat Jakob und Barbara Aegerter die Bewilligung für die frühmorgendliche Ladenöffnung verweigert.

Einbusse wegen Bauarbeiten

In den letzten drei Jahren war das anders. Da durfte die Bäckerei bereits um 2 Uhr die Türen öffnen – statt erst um 6 Uhr, wie vom Gesetz her als frühestmöglicher Zeitpunkt vorgesehen. Und es lohnte sich: Die vier Festivaltage hätten einen Umsatz eingebracht, der dem entspreche, was ein ganzer Monat in den beiden Filialen Köniz und Schliern zusammen einbringe, halten die beiden in einer Mitteilung fest. Und weiter zur Illustration: Allein am Sonntag seien während der vier frühmorgendlichen Verkaufsstunden jeweils 850 Schinkengipfeli über den Ladentisch gegangen.

Mit dem Ja zum Festivalverkauf wurde die Bäckerei quasi für die Unbill entschädigt, die ihr mit dem Umbau der Kirchstrasse entstanden ist. Das Geschäft habe unter den zweieinhalb Jahre dauernden Arbeiten am Hauptzugang massiv gelitten, hält Jakob Aegerter fest. Die Umsatzeinbusse beziffert er mit 30 bis 40 Prozent – davon, führt er weiter aus, habe sich der Betrieb auch zwei Jahre nach Einweihung der neuen Strasse nicht erholt. «Wir haben erst 5 bis 6 Prozent zurückgeholt.»

Dazu drohen auch heuer wieder Einbussen. Schuld ist diesmal die BLS, die zum Ende der Ferien die Linie durch Wabern wegen Bauarbeiten zwei Wochen lang stilllegen wird. Aegerter befürchtet bereits, dass die Pendler, die sich auf dem Weg vom Bahnhof zur Arbeit bei ihm mit Proviant eindeckten, dann gänzlich wegfallen. Doch auch für diese Argumentation, sagt er, habe der Kanton im diesjährigen Bewilligungsverfahren kein Musikgehör gehabt.

Laut Aegerter begründet der Kanton sein Nein auch damit, dass die Nacht- und Feiertagsruhe geschützt werden müsse. Es liege im Interesse des Quartiers, wenn die Leute an der Talstation so rasch wie möglich auf den Moonliner umstiegen und nicht noch lange bei der Bäckerei verweilten. Wie wenn «die Festivalbesucher mit einem vollen Mund mehr Lärm verursachen würden als ohne», so Aegerter mit bitterem Unterton.

Für den Kanton steht ausser Frage, dass die Bäckerei mit ihrem Gesuch rein finanzielle Interessen verfolgt. Inwiefern die 16 zusätzlichen Stunden aufs ganze Jahr gesehen eine entscheidende Rolle spielten, sei dagegen nicht ersichtlich, zitiert Aegerter weiter aus dem Entscheid. Er selber sieht die Sache allerdings genau umgekehrt: Wenn das frühmorgendliche Geschäft schon derart vernachlässigbar sei, könnte man es genauso gut bewilligen.

Der Kanton selber äussert sich nicht im Detail zur Sache. Er hält lediglich fest, dass das Gesetz bei Bauarbeiten in unmittelbarer Nähe erweiterte Öffnungszeiten zulasse. Der Kanton gewähre diese allerdings nur sehr restriktiv und ausnahmsweise. Weitere Auskünfte seien wegen des laufenden Beschwerdeverfahrens nicht möglich – genau: Aegerter hat noch Zeit, das Nein an die nächsthöhere Instanz weiterzuziehen und so einen Entscheid herbeizuführen, der für die nächsten Jahre entscheidend sein könnte.

Mit Sorgen in die Zukunft

Apropos nächste Jahre – ihnen sieht Aegerter mit einer gewissen Sorge entgegen. Mit den Arbeiten an der Kirchstrasse sei der Betrieb in die roten Zahlen gerutscht, blickt er zurück. Nach zwei Jahren mit Defizit habe er im letzten Jahr – gerade wegen des Festivalverkaufs – wieder eine schwarze Null erwirtschaften können. Sollte er im laufenden Jahr wieder ins Minus rutschen, «ist die Zukunft des Betriebs ernsthaft infrage gestellt». Betroffen wären 15 zum Teil sehr langjährige Angestellte.

Berner Zeitung

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