Gassengeschichten aus 800 Jahren

Bern

Der Archäologische Dienst des Kantons Bern enthüllt in seiner neusten Publikationneue Einsichten zur Berner Altstadt.

Archäologe Armand Baeriswyl in der Münstergasse.

Archäologe Armand Baeriswyl in der Münstergasse.

(Bild: Beat Mathys)

Unter den Gassen und Gebäuden der Berner Altstadt schlummern bis heute Zeugen der mittelalterlichen Stadt. In der neusten Publikation präsentiert der Archäologische Dienst des Kantons Bern eine Gesamtschau seit der Zeit der Stadtgründung um 1200. Grabungen bei der Sanierung von Kram- und Gerechtigkeitsgasse 2004/2005 und weitere archäologische Untersuchungen haben auch neue Erkenntnisse und bisher Unbekanntes zutage gebracht. Jüngste Erkenntnisse betreffen das Haus an der Kramgasse, wo sich das Kino Capitol befand.

«Dort haben wir Spuren von zähringischen Häusern gefunden, die ins Jahr 1200 zurückgehen», sagt Armand Baeriswyl, Archäologe und Co-Autor der Studie. Zudem konnten die Archäologen eine Reihe von Hypothesen bestätigen. Etwa, dass Bern tatsächlich eine Gründungsstadt ist.

«Zwischen Nyd­egg und dem ehemaligen Chris­toffelturm fehlen sämtliche ­Hinweise auf eine Vorgängersiedlung», so Baeriswyl. Auch sei nun klar, dass sich die Gründungsstadt nicht nur bis zur Kreuzgasse, sondern bis zum Zytglogge ausgebreitet habe und die Kram- und die Gerechtigkeitsgasse von Anfang an ihre heutige Breite aufgewiesen hätten. Auch der Stadtbach sei bereits bei der Stadtgründung als künstliche Wasserzufuhr in die Stadt geleitet worden.

«Zwischen Nydegg und dem ehemaligen Christoffelturm fehlen Hinweise auf eine Vorgängersiedlung.»Armand Baeriswyl Archäologe und Co-Autorder Studie.

Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass die Lauben erst nach dem Stadtbrand von 1405 entstanden. Und dann stiessen die Archäologen vor Dutzenden von Altstadthäusern auf Löcher im Boden, die sie zuerst nicht einordnen konnten. Sie haben mit dem Einkellern von Weinfässern zu tun, haben sie herausgefunden. Die Weinstöcke, die Lauben, die Gassen, der Richtstuhl und die Funde sind Höhepunkte der Publikation.

Die Lauben

Bern ohne Lauben. Das gab es tatsächlich. «Die Lauben sind sekundär erbaut worden, das ist eine neue Erkenntnis», sagt Archäologe Armand Baeriswyl. Man wisse zwar nicht, wo genau die ersten gebaut worden seien, die älteste aber sei jene in der Rathausgasse. «Sie wurde 1408 nach dem Stadtbrand errichtet.» In Freiburg gebe es eine Urkunde aus der Zeit um 1300, die besagt, dass es jedem Bürger erlaubt sei, vor seinem Haus Bögen zu errichten und darauf private Zimmer zu bauen. «Eine solche Bestimmung gab es wohl auch in Bern.»

Lauben seien nicht gebaut worden, damit die Bevölkerung bei Regenwetter nicht nass werde. «Der Laubenbau», so Baeriswyl, «schaffte zusätzlichen privaten Raum, ohne den öffentlichen Raum zu reduzieren, es war eine eigentliche Verdichtung. Dieser öffentliche Raum gehörte bis 1830 der Stadt Bern, die ihn dann den Hausbesitzern verkauft hat.»

Die ältesten Lauben gibt es in der Rathausgasse. Fotos: PD

Der Richtstuhl

Gerichtsverhandlungen im alten Bern wurden öffentlich und im Freien durchgeführt. An der Ecke Kreuzgasse/Kramgasse, etwas unterhalb des Brunnens, befand sich der Richtstuhl. «Dieser bestand ursprünglich aus einer hölzernen, ab spätgotischer Zeit aus einer steinernen Konstruktion», sagt Armand Baeriswyl.

Das Podest war so angelegt, dass der Richter stadtaufwärts sah, die Delinquenten stadtabwärts. Fundamentreste konnten die Archäologen in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts datieren. In Diebold Schillings Bilderchronik (1484/85) sieht man einen Richter thronen, der einer Hinrichtung mittels Schwert zuschaut. «Dieses Bild ist aber missverständlich», weiss Baeriswyl, «denn Hinrichtungen in der Kreuzgasse gab es nur selten.» Hingerichtet wurden die Verurteilten im heutigen Schönberg-Ost oder auf dem Inselareal.

Eine Hinrichtung vor dem Richtstuhl. Bild: zvg Archäologischer Dienst des Kantons Bern

Die Weinstöcke

Da staunten die Archäologen: Vor den Kellerabgängen zahlreicher Altstadthäuser entdeckten sie quadratische, um die 80 mal 80 Zentimeter grosse Fundamente aus Kalk- oder Sandsteinblöcken. In der Mitte waren quadratische, knapp 30 Zentimeter tiefe Löcher eingelassen. Armand Baeriswyl: «Wir haben lange gerätselt, dann hat es Klick gemacht, als wir eine Darstellung über das Essen und Trinken im alten Bern sahen.» In diese Löcher wurden Holzpfähle, sogenannte Weinstöcke, gesteckt, an denen – mittels Flaschenzug – Weinfässer in den Keller gehievt wurden.

Datiert werden diese Fundamente vor dem 19. Jahrhundert. «Wein wurde damals in schweren Holzfässern geliefert», sagt Baeriswyl. Das Einkellern war aber nicht Sache der gut betuchten Hausbesitzer. «Der Wein wurde am Stadttor abgegeben. Der Transport von da übernahmen von der Stadt angestellte Einlässer, auch Schröter genannt.»

So sahen diese Löcher in den Steinblöcken aus. Bild: zvg Archäologischer Dienst des Kantons Bern

Die Gassen

Die Kram- und die Gerechtigkeitsgasse sind laut Archäologe Ar­mand Baeriswyl «grösser, als dies von einer mittelalterlichen Stadt erwartet wird». Eine wichtige Erkenntnis sei, dass es in den Anfängen keine Plätze gegeben habe. Der Münsterplatz etwa sei ein Friedhof gewesen.

Das Leben im alten Bern hat sich nicht auf Plätzen abgespielt, sondern auf einem langgezogenen, riesigen Marktplatz, eben Kram- und Gerechtigkeitsgasse. «Wir wissen, dass es dort mehrere Markthallen gegeben hat.» In Schriften würden viele Fleisch- und Brotstände erwähnt, deren Lage aufgrund historischer Quellen bekannt sei. «Wir waren aber enttäuscht, dass wir keine Spur gefunden haben.»

Über die Grösse der Zähringerstadt sei lange gestritten worden. Heute sei dank der Archäologie sicher, dass Bern schon in den Anfängen bis zum Zytglogge reichte und nicht nur bis zur Kreuzgasse.

Heute undenkbar: Der Münsterplatz war ein Friedhof. Bild: Susanne Keller

Die Funde

Während der Ausgrabungen in der Altstadt wurden nicht nur Tierknochen, mittelalterliche Pflanzenreste, Lederfragmente und Keramik gefunden. Auch Schmuckstücke: Eines davon ist ein mit einem kobaltblauen Stein gefassten Fingerring aus Gold. Er konnte ins 13. Jahrhundert zurück datiert werden. Einen goldenen Fingerring aus dem Mittelalter fanden Archäologen im Kanton Bern bisher nur in Burgdorf.

Die Herkunft der Funde zeige deutlich, dass Bern damals in ein grosses Handelsnetzwerk eingebunden war und schon im 13. Jahrhundert eine Brückenfunktion zwischen der Deutschschweiz und der Romandie wahrnahm.

Mit kobaltblauem Stein gefasster Goldring. Bild: zvg Archäologischer Dienst des Kantons Bern

Das Buch:«Gassengeschichten – Ausgrabungen und Funde in der Markt-, Kram- und Gerechtigkeitsgasse»; A. Baeriswyl, A. Heege, in Buchhandlungen 46 Franken.

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