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Fliegen ab Bern – darf man das?

Die Fluggesellschaft Flybair will ab nächstem Mai Tausende Berner in die Ferien ans Mittelmeer fliegen. Dan Hiltbrunner von der Vereinigung gegen Fluglärm findet diese Art des Reisens unzeitgemäss. Flybair-Verwaltungsrat André Lüthi widerspricht.

Illustration: Max Spring
Illustration: Max Spring

Dan Hiltbrunner und André Lüthi wohnen beide in der Elfenau in Bern. Sie kennen sich, sie sind Nachbarn. Zuletzt haben sie sich ein paar Mails geschrieben. Es ging um die neue Airline Flybair, der Anstoss zum Austausch kam von Hiltbrunner. Er ist Präsident der kantonalen Vereinigung gegen Fluglärm und schädliche Auswirkungen des Flugverkehrs und findet es falsch, dass ab Bern wieder vermehrt Flüge angeboten werden. Lüthi, Chef des Reisebüros Globetrotter, ist Vizepräsident von Flybair und sieht das natürlich anders. Nun legen sie hier ihre Argumente dar.

Anfang Monat präsentierte der Flughafen Bern seine Idee einer virtuellen Airline und sammelte dafür Geld. Nun ist die erhoffte Million Franken beisammen, und es steht so gut wie fest, dass Flybair ab nächstem Mai acht Destinationen anfliegen wird.

Geplant ist auch, dass sie ab Herbst 2020 Bern an einen Grossflughafen wie etwa München anbindet. Die Airline wird die Flugzeuge und das Personal mieten. Bern erhalte damit einen «sinnvollen und ökologisch vertretbaren Publikumsverkehr», hiess es.

Fliegen schadet dem Klima

Hiltbrunner sieht das anders. «Was Bern und die Welt zuallerletzt brauchen, ist eine neue ‹Volksfluglinie›, die Badedestinationen am Mittelmeer anfliegt.» Das bringe nur sehr wenigen etwas – etwa jenen, die vom Tourismus lebten. Das Flugzeug sei das umweltschädlichste aller Verkehrsmittel – darunter müssten alle leiden.

Damit werde ein veralteter Wirtschaftszweig am Leben erhalten, der für einen grossen Teil der weltweiten Umweltbelastung verantwortlich sei. «In der Schweiz beträgt der Anteil des Luftverkehrs am Klimaeffekt mittlerweile 19 Prozent.» Die Tendenz sei stark steigend. Wenn es so weitergehe, werde der Luftverkehr in der Schweiz in zehn Jahren der grösste Treiber des Klimaeffekts sein.

Geringer Anteil

Die klimaschädlichen Auswirkungen des Fliegens verneint Lüthi nicht. Aber der Anteil des Flugverkehrs am weltweiten CO2 liege zwischen 4 und 6 Prozent. «Das ist nicht gut, der Ausstoss muss weiter reduziert werden.» Der grosse Restausstoss entstehe aber durch die Industrie, die unsere Konsumgüter herstelle.

«Wir können nicht einfach nur auf dem Fliegen herumhacken.»

André LüthiVerwaltungsrats-Vizepräsident Fluggesellschaft Flybair

Kleider, Essen, Autos, Elektrogeräte und so weiter. «Wir können nicht einfach nur auf dem Fliegen herumhacken, sondern müssen unser gesamtes Konsumverhalten überdenken.» Nur so könne man eine wirksame Änderung erzielen.

André Lüthi, Verwaltungsrats-Vizepräsident Fluggesellschaft Flybair. Foto: Adrian Moser
André Lüthi, Verwaltungsrats-Vizepräsident Fluggesellschaft Flybair. Foto: Adrian Moser

In Bern übernehme Flybair nur jene Strecken, welche Helvetic nicht mehr anbiete, da sie 2020 keine Maschine mehr im Belpmoos stationiere. «Wir haben gezielt Destinationen ausgewählt, die die Berner nachfragen.» Es sei eine Illusion zu glauben, man könne den Menschen vorschreiben, was sie tun und lassen sollten. Das erfolgreiche Crowdfunding zeige, dass viele Bernerinnen und Berner ab Bern in die Ferien fliegen wollten.

Berner fliegen sowieso

Will Hiltbrunner den Menschen ihre Ferien und den Spass am Strand verbieten? «Ich will niemandem etwas wegnehmen.» Aber man könne auch auf andere Arten etwas erleben, sich entspannen, Freude haben.

Früher seien Ferien am Strand noch ein Ereignis gewesen. «Heute sind sie ein Konsumgut, das in seiner Masse nicht mehr nachhaltig ist.» Deshalb brauche es keine Ferienflüge ab Bern an Badedestinationen am Mittelmeer. Dies fördere den Flugverkehr weiter und damit die Umweltbelastung.

Dan Hiltbrunner Präsident Vereinigung gegen Fluglärm und schädliche Auswirkungen des Flugverkehrs. Foto: PD
Dan Hiltbrunner Präsident Vereinigung gegen Fluglärm und schädliche Auswirkungen des Flugverkehrs. Foto: PD

Auch in der Region Bern sorge das Fliegen für negative Auswirkungen. «Zehntausende Menschen sind von den Starts und Landungen betroffen», die ja gemäss dem publizierten Flugplan wieder zunehmen sollten. «Das gefährdet die Gesundheit.» Und das nur, um ein paar Arbeitsplätze zu erhalten – die weder zukunftsträchtig noch ökologisch vertretbar seien.

«Früher waren Ferien am Strand ein Ereignis, heute sind sie ein Konsumgut.»

Dan Hiltbrunner Präsident Vereinigung gegen Fluglärm und schädliche Auswirkungen des Flugverkehrs

Dieses Jahr, sagt Lüthi, seien von Bern aus 18'000 Menschen mit Helvetic in die Ferien geflogen. «Wenn sie das ab nächstem Jahr nicht mehr tun können, dann fliegen sie halt ab Basel oder Zürich.» Es seien die Reisenden selber, die über ihre Ferien entschieden, nicht Reisebüros oder Fluggesellschaften. «Die Meinung, die Zürcher sollen die abfliegenden Berner ertragen, ist etwas speziell.» Der Natur sei damit noch nicht geholfen.

Jeder Flughafen verursache Lärm, der die Lebensqualität einschränkt. Er ist aber überzeugt, dass es den kleinen Flughafen Bern-Belp auch in Zukunft braucht. «Wir haben hier die Rega, die Bundesbasis, Flugschulen, die Privatfliegerei und über 60 Arbeitsplätze. Und es braucht auch einen vernünftigen Publikumsverkehr.» Es sei ja nicht das Ziel von Flybair, ein Netz in 15 Städte aufzubauen wie einst Skywork. «Diese Fehler von Skywork machen wir nicht.»

Fliegen muss teurer werden

Auch wenn in Bern keine Billigflieger starten – das Fliegen sei grundsätzlich viel zu billig, sagt Hiltbrunner. «Müsste man den effektiven Preis bezahlen, würde sehr viel weniger geflogen.» Wenn man für einen Flug in eine europäische Stadt 20, 30 oder 40 Franken zahle, könne das nicht aufgehen.

«Es müsste eine Kostenwahrheit vorhanden sein, in der auch die umweltschädigenden Faktoren mitgerechnet werden.» Auch eine Subventionierung der Infrastruktur des Flughafens Bern, wie vom Kanton geplant, verhindere die Kostenwahrheit des Fliegens und sei deshalb abzulehnen

In dieser Hinsicht ist André Lüthi gleicher Meinung. «Kurztrips sind viel zu billig.» Im Gegensatz zu vielen seiner Branchenkollegen unterstütze er auch eine Flugticketabgabe. Passagiere, die von Schweizer Flughäfen abheben, sollen pro Flug zwischen 30 und 120 Franken zusätzlich zahlen müssen.

«Aus meiner Sicht sollten die Einnahmen aber vollumfänglich in die Forschung und Entwicklung von neuen, umweltschonenden Technologien gesteckt werden.» Es könne nicht sein, dass die Abgabe für die Verbilligung der Krankenkassenprämie eingesetzt werde.

Von der Schweiz aus erfolgten 80 Prozent der Flüge innerhalb Europas, sagt Dan Hiltbrunner. Er findet, dass auf Flüge von weniger als 1000 Kilometern verzichtet werden sollte. Dafür gebe es Alternativen, solche Distanzen könne man auch gut mit dem Zug zurücklegen. Er hofft deshalb auch, dass das Nachtzugangebot wieder verbessert wird.

Diese Grenze klingt auch für André Lüthi vernünftig – wobei man zwischen Ferien- und Geschäftsflügen unterscheiden müsse. Was man sicher tun könne, und das versuche er auch mit seinem Unternehmen: bewussteres, anderes Reisen fördern. Statt eines zweitägigen Städtetrips nach Riga oder London eine lange Reise pro Jahr, für die man sich auch auf Land und Leute vorbereitet. «So hat man Zeit und lernt etwas.»

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