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Er hat sich die Normalität erkämpft

Contergan führte in den 1960ern zu schweren Körperbehinderungen, so auch bei Lorenz Vinzens aus Bern. Dennoch lebt er ein selbstbestimmtes Leben.

Lorenz Vinzens steht gerne vor der Kamera. Starrende Blicke hingegen sind ihm zuwider.
Lorenz Vinzens steht gerne vor der Kamera. Starrende Blicke hingegen sind ihm zuwider.
Raphael Moser

Wenn Lorenz Vinzens von seinen Sommerferien erzählt, klingt das wie bei den meisten anderen Leuten auch: Gerade sind er und seine Frau aus den Ferien im Engadin zurückgekehrt. Und am späten Nachmittag – die ­Sonne brennt vom Himmel – ruft eine Abkühlung im Schwimmbad.

Doch selbstverständlich ist Vinzens’ Alltagsnormalität nicht. Der 56-Jährige ist einer von weltweit über 10'000 Contergan-Geschädigten und körperbehindert. Seine Selbstständigkeit ist das Ergebnis von viel Arbeit, Mut und einem starken Willen.

Geboren wurde Vinzens 1961 in der Stadt Basel. Es war die Zeit, in der der deutsche Pharmakonzern Grünenthal das Medikament Contergan herstellte; ein Schlaf- und Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid, das wegen seiner angeblichen Verträglichkeit zwischen 1957 und 1961 Tausenden von schwangeren Frauen abgegeben wurde. In Deutschland kostete das Medikament 3,90 D-Mark pro Packung und war rezeptfrei erhältlich.

Fatale Folgen des Contergans

Die Folgen waren fatal: Contergan führte bei den Ungeborenen zu Fehlbildungen der Gliedmassen, die Säuglinge kamen ohne oder mit verkürzten Armen und Beinen zur Welt. Obwohl Ärztinnen und Ärzte das Medikament schon früh als Ursache der Fehlbildungen verdächtigten, vertrieb Grünenthal das Medikament weiterhin. Erst im Jahr 1961 nahm die Firma auf Druck der Presse hin Contergan vom Markt.

Vinzens’ Mutter hatte Contergan ärztlich verschrieben bekommen. Die Behinderung ihres Sohnes war ein Schock für sie, und bis heute spricht sie nicht darüber. Vinzens’ Vater hingegen ging die Situation pragmatisch an. «Er hat nicht lange gefackelt und das Beste aus der Situation gemacht», sagt Vinzens. Die Contergan-Geschichte blieb vielen Leuten unbekannt. Und so gab es Gerüchte und Spekulationen in der Nachbarschaft, manche mieden die Familie Vinzens – in der Befürchtung, die Behinderung des Kindes könnte ansteckend sein.

Dennoch war Vinzens’ Kindheit eine glückliche. «Meistens gehörte ich dazu», sagt er heute. So auch in der Schule. Körperlich sei die Schulzeit eine Herausforderung gewesen: Vinzens verausgabte sich oft, um mit seiner ­Klasse mithalten zu können. Das Schreiben von Hand war und ist bis heute mit Anstrengungen verbunden und nur möglich, wenn Vinzens den Stift mit dem Kinn fixiert und steuert. Gleichzeitig genoss Vinzens die Gesellschaft seiner Mitschüler. Er war ein geschickter und passionierter Fussballer, der in den Pausen als einer der Ersten in die Mannschaften gewählt wurde.

Nach der obligatorischen Schulzeit entschied sich Vinzens, in Bern eine vierjährige Ausbildung an der kaufmännischen Berufsschule für Körperbehinder­te in den Schulungs- und Wohn­heimen Rossfeld zu absolvieren. Rückblickend waren das Ausziehen aus dem Elternhaus und das Leben mit anderen körperbehinderten Menschen eine Umstellung: «Damals wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich körperbehindert bin», sagt Vinzens. Vorher, im Umfeld seiner drei Geschwister und der Schul­gspänli, war seine Behinderung nie im Vordergrund gestanden.

«Sobald ich die Wohnung verlasse, ist es, als würde ich eine Bühne betreten.»

Lorenz Vinzens

Vinzens’ Lebensweg beeindruckt vor allem in der gleichzeitigen Normalität und Zielstrebigkeit – die er sich, wohlgemerkt, hart erkämpfen musste: Nach seiner Ausbildung arbeitete Vinzens 50 Prozent auf seinem Beruf, zwei Jahre lang tourte er mit einem Theaterstück durch die Schweiz. Er spielte Firmenfussball, ging wandern und schwimmen. 1993 heiratete Vinzens seine heutige Frau Silvia, ein Jahr später kam Sohn Joel zur Welt. Die Kindererziehung teilten sich die Eltern. «Es war eine happige Zeit, die mir viel Kraft abverlangte», erzählt Vinzens.

Nicht so leicht, wie es scheint

Vinzens ist ein guter Erzähler. Ohne zu hadern und mit einer grosszügigen Portion Humor blickt er auf sein Leben. «Ich habe eine positive Grundeinstellung», erklärt Vinzens. Er hoffe, dass die Selbstbestimmtheit, mit der er sein Leben meistert, vielen Menschen Mut macht.

Manchmal jedoch gehe vergessen, dass nebst seiner geselligen und zuversichtlichen Art viele Schwierigkeiten seinen Alltag prägen. «Es ist nicht alles so leicht für mich, wie es nach aussen scheint», betont er. Den Haushalt übernimmt fast ausschliesslich seine Frau – ein Bett zu beziehen, wird für Vinzens zum Kraftakt, sie hingegen erledigt die Arbeit in wenigen Minuten.

Auch im öffentlichen Raum stösst Vinzens immer wieder auf Barrieren: Bancomaten kann er, da sie zurückversetzt in die Wand eingelassen sind, nicht bedienen, in Supermärkten sind Regale oft so hoch, dass er Produkte nicht erreichen kann. «Ich habe jedoch gelernt, Hilfe einzufordern und anzunehmen.» Auch gibt es Tage, an denen die starrenden Blicke nicht leicht zu ertragen sind. «Sobald ich die Wohnung verlasse, ist es, als würde ich eine Bühne betreten», stellt Vinzens fest.

Heute gilt die Contergan-Affäre als grösster Arzneimittelskandal der jüngeren Geschichte. Offiziell entschuldigt hat sich die Firma Grünenthal bei den Betroffenen bis heute nicht, so Vinzens, der heute unter den Spätfolgen seiner Behinderung leidet. Nach einem langwierigen Prozess konnte eine Entschädigung von der Firma Grünenthal er­rungen werden, die Regierung Deutschlands errichtete eine Stiftung für die Betroffenen.

Seit 2014 arbeitet Vinzens nicht mehr, er erhält nun eine volle IV-Rente. Dennoch ist er nicht mutlos geworden: «Ich weiss, was ich will. Und habe in meinem Leben mehr erreicht, als ich zu träumen hoffte.» Immer wieder spielt er als Statist in Spiel- und Kurzfilmen mit. Auch im Kampagnenfilm von Pro Infirmis, der Lobby für Menschen mit Behinderung (siehe Kasten), ist er zu sehen. Er fährt Velo und rannte im Frühjahr den Altstadt-Grand-Prix. Unterkriegen lässt sich Lorenz Vinzens nicht.

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