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Eine Zuflucht für Blinde

Der Advent ist für Blinde und Sehbehinderte keine einfache Zeit, vielen fällt es schwer, Kontakte zu knüpfen. Umso wichtiger ist das Begegnungszentrum in Bern.

Sheila Matti
Mit viel Fingerspitzengefühl giesst Sheila Brunner den heissen Wachs in die Kerzenform.
Mit viel Fingerspitzengefühl giesst Sheila Brunner den heissen Wachs in die Kerzenform.
Nicole Philipp
Schwarz auf weiss, mit Farben oder in Brailleschrift: Im Regalist alles dreifach angeschrieben.
Schwarz auf weiss, mit Farben oder in Brailleschrift: Im Regalist alles dreifach angeschrieben.
Nicole Philipp
Finish mit Schere: Sheila Brunner schneidet den Dochtfadender Kerze zurecht.
Finish mit Schere: Sheila Brunner schneidet den Dochtfadender Kerze zurecht.
Nicole Philipp
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Alles im Regal ist dreifach angeschrieben. Nicht auf Deutsch, Französisch und Englisch. Sondern einmal mit dicken schwarzen Buchstaben auf weissem Hintergrund, einmal in Braille und einmal durch ein Täfelchen in der jeweiligen Farbe. Für Sheila Brunner ist diese dreifache Beschriftung essenziell. Die Frau mit dem strahlenden Lachen sieht nur knapp fünf Prozent, nimmt hauptsächlich Umrisse und Farben wahr. Besonders die Tafeln helfen ihr dabei, den Wachs für ihre Kerzen richtig einzufärben.

Die 42-Jährige gehört zu einer Gruppe von rund 35 Sehbehinderten und Blinden, die regelmässig im Bildungs- und Be­gegnungszentrum (BBZ) am Federweg 22 in Bern einkehren. Hier treffen sie auf Gleichge­sinnte, hier können sie sich beschäftigen, handwerklich betätigen. Es gibt eine Holzwerkstatt, eine Seifenstation, einen Filzbereich, eine Specksteinecke, einen Maltisch und eine Kerzengiesserei. Alles, was hergestellt wird, wird entweder auf diversen Märkten verkauft oder selbst gebraucht.

Keine einfache Zeit

Für Sheila Brunner ist Weihnachten jeweils keine einfache Zeit. Vor einigen Jahren starben ihre Eltern, einen Partner hat sie zurzeit nicht. Da fühle man sich manchmal schon allein, gibt sie zu. Und doch: Im Gegensatz zu vielen anderen Sehbehinderten verfügt Brunner über ein starkes soziales Netzwerk. Ihre Freizeit verbringt sie gerne mit gut sehenden Freunden und Bekannten. Während viele Sehbehinderte nur selten aus den eigenen vier Wänden herauskommen, ist Sheila Brunner viel unterwegs.

Gäbe es das BBZ nicht, wäre es für sie wohl kein grosses Problem. «Ich würde schon irgendwie zurechtkommen.» Aber, so fügt sie schnell an: «Für viele der Besucherinnen und Besucher ist das Zentrum die einzige Möglichkeit, unter Leute zu kommen.» Deshalb haben die Feiertage im Zentrum einen hohen Stellenwert: Am 6. Dezember gibt es einen Samichlaus-Brunch, vor Weihnachten wird auswärts ein Mittagessen organisiert. Die Altjahrswoche über jedoch hat das Zentrum Betriebsferien.

Keine Berührungsängste

Für sehbehinderte Personen sei es schwer, Kontakte zu knüpfen, erzählt Sheila Brunner. Gut sehende Leute hätten oft Berührungsängste. Früher, als sie noch schüchterner war, sei das schwerer gewesen. «Aber gerade als Sehbehinderter musst du mutig sein – das habe ich irgendwann verstanden.»

Von Berührungsängsten merkt man im Begegnungszentrum nichts. Während die Blinden und Sehbehinderten draussen vor der Tür oft unsicher wirken, löst sich alle Anspannung, sobald sie das Zentrum betreten. «Hier fühlen sie sich wohl, hier kennen sie sich aus», sagt Renato Colombo, der das BBZ seit sechs Jahren leitet.

Kein Freizeitatelier

Vor Weihnachten ist bereits um 10 Uhr morgens viel los. Neben Sheila Brunner verbringen sechs weitere Sehbehinderte den Tag im Zentrum – aus dem Oberland, aus Biel, die meisten aus Bern selber. Nach einem Kaffee wird gearbeitet. Betreut werden sie von drei Arbeitsagogen – Fachpersonen, die Menschen mit einem erschwerten Zugang zur Arbeitswelt den Einstieg in diese erleichtern – sowie einer Auszubildenden.

Finanziert wird das BBZ durch den Kanton Bern, ein Leistungsvertrag deckt zehn Plätze ab. Auch die Burgergemeinde unterstützt ein Projekt im Zentrum, das Defizit wird von den Spendengeldern des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands getragen. Die finanzielle Lage sei lange ein Thema gewesen, letztes Jahr stand gar die Schliessung zur Debatte, so der Zentrumsleiter. Daraufhin musste ein Businessplan aufgestellt werden, der alle Ausgaben kontrolliert. «Mittlerweile sind wir aber auf einem guten Weg.»

Kaum Nachteile

Auch Sheila Brunner setzt sich dafür ein, dass Blinde und Sehbehinderte besser in die Gesellschaft integriert werden. Sie gibt ehrenamtlich Sensibilisierungskurse für Firmen und Schulen. So lernten heuer etwa Postauto-Chauffeure in Brig, mit der Hilfe von Simulationsbrillen, den Umgang mit Sehbehinderten und Blinden. «Durch Theorie und praktische Übungen lernen sie, was für einen Fahrgast mit eingeschränkten Sehvermögen wichtig ist», erklärt Brunner. Nebenbei lässt sie sich zur Erwachsenenbildnerin Modul 1 weiterbilden.

Brunner schwört auf das BBZ: «Die Mitarbeiter hier machen wirklich viel für uns – genauso wie der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband.» Ihr selbst bringen diese Angebote viel, Nachteile gebe es kaum. «Klar, auch hier läuft nicht alles reibungslos. Aber das kommt ja in den besten Familien vor.»

Lernt man Sheila Brunner heute im Zentrum kennen, trifft man auf eine offene, selbstständige Person. Sie lacht viel, unterhält sich angeregt mit den anderen. Und wenn sie den heissen Kerzenwachs in die Formen giesst, merkt man ihr an, dass sie sich hier wohl fühlt.

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