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Ein Narr tritt ab

Der Fasnachtspräsident Daniel Graf tritt nach fünf Jahren zurück. Für die Zukunft der Berner Fasnacht wünscht er sich, dass die Beizen stärker mitmachen würden.

Seit 22 Jahren ist Daniel Graf bei der Berner Fasnacht aktiv. Seit fünf Jahren ist er Präsident – nun tritt er ab. <em>Video: Claudia Salzmann</em>

Er stecke im Lift fest, heisst es auf dem Bärenplatz am Donnerstagabend. Noch neun Minuten, bis der Bär aus dem Winterschlaf befreit wird. Und der Fasnachtspräsident Daniel Graf ist nirgends. Stadtpräsident Alec von Graffenried hält den Schlüssel fürs Türschloss in den Händen, bei ihm steht YB-Sportchef Christoph «Wuschu» Spycher. Sie werden die Fasnacht eröffnen, der Bär wird tanzen. Zwei Minuten vor dem Start erscheint Graf dann doch, in einer Seelenruhe. Im Lift festgesteckt? Nein, er war Kaffee trinken, meint er.

An seiner Brust baumelt ein pinkes Plüschherz, in seinem roten Zylinder stecken lange Federn, die so manche Wange kitzeln werden. Sein Gesicht ist dunkel geschminkt, Blutäderchen zieren seine Wangen. In der Hand hält Graf einen Stock mit Silbergriff, das Zepter der Berner Fasnacht, der Taktgeber des Monsterkonzerts, der am Abend noch für Gesprächsstoff sorgen wird. Ein wenig erinnert Daniel Graf an Jonny Depp im Film Alice im Wunderland.

Eine Rampensau

Seit 22 Jahren ist Daniel Graf bei der Berner Fasnacht aktiv, davon die letzten fünf Jahre als Präsident. Jetzt tritt er ab. Angefangen hat alles, als er sich als Handballer verletzte und plötzlich Zeit für andere Aktivitäten fand. Animiert haben ihn Verwandte. Er spielte Schlagzeug in einer Gugge, war bei zweien Major und gründete sogar eine Gugge selber. «Ich bin eine Rampensau und bin mir für Nichts zu schade», sagt er.

Vor seinem Auftritt auf dem Bärenplatz am Donnerstagabend hat er schon einige Stationen hinter sich und noch zahlreiche vor sich. Hinter ihm liegt der Besuch im Fasnachtskeller an der Gerechtigkeitsgasse, wo der Schlüssel für die Bärenbefreiung abgeholt wird. Auch abgehakt hat er ein Treffen mit der Polizei, um über Sicherheitsthemen zu sprechen.

Nach der Bärenbefreiung begrüsst er die Fasnächtler zum diesjährigen närrischen Treiben. Er geniesst das Bad in der Menge, ergreift das Mikrofon, stimmt ein Liedchen an, und beim Überqueren des Platzes kassiert er Umarmungen und Küsschen. Die meisten Personen hat er vor einem Jahr das letzte Mal gesehen. «Die Fasnacht gibt mir so viel Freundschaft, die ich sonst nirgends erlebe», schwärmt er.

Mit Gästen aus Riggisberg geht es tanzend in die Rathausgasse, begleitet von einer Gugge. Dass Graf 55 Jahre alt ist, errät man wegen seiner gazellenhaften Sprünge nicht. Bei der Vereinsbar holt er für alle Fasnachtsweisswein. Gerade als die Chlepfschytter zu spielen anfangen, pfeift er seine Leute zusammen. Weiter geht es durch das Schaalgässchen. Graf voran, hüpfend zur nächsten Einladung.

Grund für seinen Rücktritt ist die Arbeit. «Wenn ich etwas tue, dann immer 100 Prozent. Das geht für die Fasnacht nicht mehr», sagt er. Den neuen Präsident hat er im Schlepptau, als Schnupperstift quasi. Im Mai sollte er an der Vereinsversammlung offiziell ins Amt gewählt werden. Graf wünscht sich für die Berner Fasnacht vor allem eines: Dass die Beizen besser mitmachen. Dieses Jahr sind wieder mehr dabei, der Goldene Schlüssel ist auch nach dem Besitzerwechsel ein wichtiger Ort für Schnitzelbänkler, dazu gekommen sind die Schmiedstube und das Della Casa.

Schlafen in der Jugi

Mit in der Truppe unterwegs ist auch seine Frau Maya. Seit 36 Jahren sind sie ein Paar. «Während der Fasnacht sehe ich meinen Mann eigentlich nie», sagt sie. Er streitet das vehement ab: «Doch, jeden Vormittag um 11 Uhr schminkst du mich.» Geschlafen wird wenig und auswärts, er hat mit einem Kollegen vom Vorstand in der Jugendherberge ein Zimmer gebucht.

Inmitten der schunkelnden Narren ist Graf plötzlich verschwunden, bald erscheint er wieder. Der Abend fordert seinen Tribut: Den Stock hat er liegengelassen. Als seine Frau merkt, dass der Stock weg ist, reagiert sie gelassen. Und als hätte sie es gewusst: Irgendwann drückt irgendjemand dem «Dänu» den Stock wieder in die Hand. Heute marschiert er damit das letzte Mal als erster vor allen 50 Guggen durch die Altstadt zum Bundesplatz und stemmt ihn auf dem Balkon in die Luft, um das Monsterkonzert zu starten.

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