Ein Frachter für die Schützenmatte

Bern

Daniel Bäumlin baute bereits bei «Karl’s kühner Gassenschau» und «Madame Bissegger» die Bühnenbilder. Nun arbeitet der 60-Jährige an einem mehrstöckigen Gastroprojekt auf der Berner Schützenmatte.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Noch fehlen der Kamin und der Mast, aber die Form eines Frachters lässt sich bereits erkennen. Frachter heisst das Projekt, das Daniel Bäumlin derzeit auf der Berner Schützenmatte baut. Dafür hat der Metallbauer drei Schiffscontainer mit einem Kran aufeinandergestellt und ihnen die Rundung des Bugs verliehen. Die Container stammen aus dem Fundus des Freilichtspektakels «Cyclope», das in Biel gastierte. «Ich arbeite mit Recylingmaterial, schon so wird es teuer genug.» Bereits habe er über 50'000 Franken investiert.

Der 60-Jährige ist auf Bühnenbau spezialisiert, arbeitete bei «Madame Bissegger» und «Karl’s kühner Gassenschau» mit. 40 Jahre lang führte er sein eigenes Metallbaugeschäft, nun hat er es an zwei Mitarbeiter verkauft. Er arbeite weiterhin mit, brauche aber mehr Zeit für seine Projekte. Diese befinden sich nicht nur in Bern, sondern sind rund um den Globus verteilt, in Burma, in Brasilien und in Kamerun. So unterschiedlich sie alle sind, eines haben sie gemeinsam: Sie wollen Wissen weitergeben. «Die handwerkliche Intelligenz finde ich sehr wichtig im Leben», sagt Bäumlin.

Gewinn nach Kamerun

Bäumlin ist braun gebrannt, sein verwaschenes Shirt war vor Jahren mal schwarz. Er steigt vom Dach des Frachters auf die Terrasse runter und spricht mit Begeisterung und fast jugendlichem Elan weiter. In den EG-Container wird ein Basar hereinkommen, im 1. Stock gibts ein Restaurant, das primär Frauen betreiben werden. Zuerst werden orientalische Gerichte aufgetischt, später zieht das laotische Gastroprojekt, welches derzeit im Zirkuszelt ist, aufs Dach und wird dort in verkleinerter Variante verlängert.

Die Tischgrills dafür hat ebenfalls Bäumlin gebaut. Abdullah – ein junger Iraker und Sohn der Köchin, der gerade bei Bäumlin eine Schnupperlehre macht – bringt Stühle. Züge donnern vorbei, die Passagiere schauen neugierig auf den Platz. Ein Passant ruft Bäumlin zu: «Schön geworden.» – «Ist noch nicht fertig», entgegnet dieser.

In vielen Schweizer Wintern war Bäumlin nicht in Bern zugegen, sondern war unterwegs für seine Projekte. Er finanzierte ein Hotelschiff in Burma, in Südbrasilien baute er eine Werkstatt mit Lernplätzen für Jugendliche und Süchtige auf. Nach dem Fertigstellen des Frachters fliegt Bäumlin nach Kamerun. In Afrika sei die Armut noch einmal anders als beispielsweise in Asien: «Es fehlt an allem. In Kamerun etwas aufzubauen, ist das Sinnvollste, was ich im Leben gemacht habe», so Bäumlin.

Zuerst baute er dort Brunnen, dann Häuser. Wenn er spricht, spielt er mit einem zigarettenähnlichen Stift, die Gewohnheit des Rauchens drückt noch durch. «Noch vor einigen Jahren war ich ein Hardcore-Raucher, dieses Geld investiere ich heute in Schulgeld für sechs kamerunische Kinder», sagt er. Mit Einheimischen hat er zuletzt ein Gesundheitszentrum aufgebaut. Dieses wird mit den Einnahmen seines Vereins Ferronniers sans Frontières und dem Gewinn des Frachters auf der «Schütz» weiterfinanziert.

Guter und schwieriger Ort

Der Frachter steht nicht für sich allein, sondern ist eines der Teilprojekte der dreijährigen Zwischennutzung «Platzkultur». Diese sorgte letzthin für Schlagzeilen, weil gegen eine publizierte Baubewilligung zahlreiche Einsprachen eingingen. Dies betrifft auch Daniel Bäumlin. «Ich habe einen Vertrag von anderthalb Jahren, ich gehe aber davon aus, dass er erfüllt wird», sagt er. Die «Schütz» sei ein guter und zugleich schwieriger Ort, aber es gebe kein Projekt auf dem Stadtboden, das mehr politische Unterstützung habe als dieses.

«Nun müssen halt der Stadtpräsident und der Gemeinderat Rückgrat zeigen und sich voll dahinterstellen.»Daniel Bäumlin über die Zwischennutzung «Platzkultur»

«Nun müssen halt der Stadtpräsident und der Gemeinderat Rückgrat zeigen und sich voll dahinterstellen.» Die Einsprecher wehren sich gegen Musik, die zu ihren Häusern dringe. «Platzkultur» stellt ihren Betrieb und die Konzerte gegen Mitternacht ein. Die Urheber der Musik stammen derweil vom Perimeter der Reitschule. Weder das kantonale Volkswirtschaftsdepartement, welches bei Lärmbeschwerden zuständig ist, noch der Regierungsstatthalter Christoph Lerch wollen hierzu Stellung nehmen. Es handle sich um ein laufendes Verfahren.

Bei «Platzkultur» sind derzeit Personen im Alter von 16 bis 60 Jahren dabei. «Ich als einer der Ältesten sehe meine Rolle auch so, dass ich mal als Vermittler einspringe», sagt Bäumlin. Es gehe auch mit weniger Dezibel, meint er. Und fügt zugleich an: «Lautstärke gehört aber dazu, wenn man nicht eine Schlafstadt sein will, und dieser Ort zeichnet unser progressives Bern aus.»

Sanft einwassern

Bäumlin will nicht der Typ für ein Einfamilienhaus sein. Mit 13 Jahren zog er daheim aus und bei der Schwester in eine Mansarde ein. Heute wohnt er im Wasserwerk im Mattequartier, wo bis vor einigen Jahren der gleichnamige Club wegen lärmempfindlicher Anwohner schliessen musste. «In den wilden Zeiten fiel das Geschirr aus meinem Küchenschrank.»

Mittlerweile hat die Frachter-Crew Hunger bekommen, Abdullah hat Wurst und Fleisch auf den Grill gelegt. Daniel Bäumlin und ein Mitarbeiter, der beim Bau und später im Frachter hilft, haben eine Flasche Riesling aufgemacht. Drinnen fehlt noch der Boden. Die Küche existiert erst in ihren Köpfen. In drei Tagen geht es los. Bäumlin meint gelassen: «Wir werden schon fertig. Vielleicht. Sonst wassern wir unseren Frachter nur sanft ein.»

Berner Zeitung

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