Dorfbeizen kämpfen ums Überleben

Bern

Der Durstige Bruder in Utzigen ist geschlossen. Der Bären in Boll wird umgenutzt. Weiteren Dorfbeizen in der Region droht das Aus. Als Hauptgründe nennen Insider die strengen Banken und fehlende Nachfolger.

Christian Zeier@ch_zeier

Die Suche beginnt vor geschlossenen Türen. In Utzigen, auf der Strecke zwischen Boll und Oberburg, macht der Gasthof zum Durstigen Bruder seinem Namen alle Ehre: Wer hier vorbeikommt, bleibt durstig. Statt wie geplant am 3.August nach den Betriebsferien wieder zu öffnen, blieb der Gasthof geschlossen. Er hoffe sehr, dass der Durstige Bruder bald wieder öffnen werde, sagte Gemeindepräsident Walter Schilt kurz nach der Schliessung. Er machte sich Sorgen um alle Dorfbeizen. Denn der «Bruder» ist kein Einzelfall.

Innert kurzer Zeit hat die Gemeinde Vechigen zwei weitere Beizen verloren. Während der Gasthof Blaues Rössli in Utzigen geschlossen wurde, entstand aus dem beliebten Bären mitten in Boll ein Restaurant mit innovativem Betriebskonzept. Erst seit der Wiedereröffnung des Rössli Anfang Oktober verfügt der Hauptort wieder über eine Beiz mit Schweizer Küche und Stammtisch.

Das sagt Gastrobern

«Vor allem für die Vereine, die auf die Gasthäuser und ihre Säle angewiesen sind, ist diese Abnahme schlimm», sagt Gemeindeschreiber Beat Brunner und fügt an: Offensichtlich wird es immer schwieriger, einen Gastronomiebetrieb auf dem Land zu führen. Nach einer Erklärung für dieses Phänomen gefragt, überlegt Brunner lange und will sich dann doch nicht festlegen. Das Problem ist klar, die Gründe sind es nicht.

Bern, Restaurant Weissenbühl im Weissenbühl. Seit über 20 Jahren wirten hier Eveline und Roger Neeracher. In der Stadt sollen Antworten auf die Fragen vom Lande gefunden werden. Denn Eveline Neeracher ist Präsidentin der Regionalsektion Bern und Umgebung des Wirteverbands Gastrobern. Sie sollte wissen, wie es um ihre Schäfchen steht. «Obwohl wir keine genauen Zahlen haben, denke ich schon, dass es eine Abnahme der Landbeizen gibt», sagt die Wirtin und bestätigt damit den Eindruck aus Vechigen.

Die Gründe, die sie anführt, sind so vielseitig wie die Speisekarte ihres Restaurants. Zum einen seien da die neuen Regelungen, die den Wirten das Leben schwer und den Umsatz klein machten: «Sowohl die Promillebegrenzung als auch das Rauchverbot erschweren das Führen eines Landgasthofs», ist sich Neeracher sicher. Zum anderen hätten die älteren Semester Probleme, ihre Nachfolge zu regeln: «Die Kinder sehen, wie sich die Eltern für den Betrieb abschuften, und wählen bewusst einen einfacheren Weg.» Komme es dann zum Verkauf, würden potenzielle Nachfolger nicht nur von den gesetzlichen Vorschriften, sondern auch von den Praktiken der Banken abgeschreckt. Während die Auflagen im Bereich Lebensmittel und Infrastruktur gewaltige Investitionen erforderten, sei die Unterstützung der Geldinstitute meist mit ungünstigen Konditionen verbunden, so die Wirtin.

Sie nimmt aber auch ihre Kolleginnen und Kollegen in die Pflicht: «Vor allem die älteren Wirte sind zu wenig innovativ und entwickeln sich kaum weiter. So verlieren sie den Anschluss an die Konkurrenz.»

Das sagt der Immo-Experte

Diese neue Konkurrenz, von der Eveline Neeracher spricht, hat auch Ulrich Ackle ausgemacht: «Es gibt immer mehr kleinere Bistros oder Restaurants im Kanton Bern, weil diese oft ohne gastgewerblichen Fähigkeitsausweis betrieben werden können.» Der Gründer der Lietreu Immoservice AG sitzt in seinem Büro an der Bümplizstrasse und sinniert über die Zukunft der Dorfbeizen. Erst kürzlich hat seine Firma das Restaurant Wangenbrüggli in Niederwangen an den Mann gebracht. Für die Wirtschaft zur Schwarzwasserbrücke in Mittelhäusern wird noch ein passender Käufer gesucht. «Wir haben ein grosses Netzwerk, aber einen geeigneten Nachfolger mit den finanziellen Möglichkeiten zu finden, ähnelt oft einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen.» Dies sei zu einem grossen Teil die Folge der schwierigen Kreditbedingungen der Banken, sagt auch Ackle. Er schätzt den Eigenkapitalanteil beim Kauf eines Gasthofs auf rund 50 Prozent. Zwar zahle die ältere Generation von Wirten oft seit Jahren relativ tiefe Mieten oder Pachten. «Wenn die Häuser jedoch verkauft werden, erhöhen sich diese Kosten, und die Rendite nimmt stark ab.»

Das sagen Rössli-Wirtinnen

Sorgen um die Rendite machen sich Paola Edelmann und Alessandra Murat im Moment nicht. Die beiden neuen Wirtinnen des Rössli in Boll stehen hinter dem Tresen und lächeln. Es ist kurz nach 16 Uhr, und der Gasthof ist gut gefüllt. Seit Anfang Monat werden im Rössli wieder Schweizer Speisen serviert, und der Stammtisch wird zelebriert – die innovative Thai-Küche ist Vergangenheit. Tradition statt Innovation also? Paola Edelmann hat ein anderes Rezept: «Es braucht ein grosses Engagement und eine Menge Herzblut. Dann klappt es.»

Berner Zeitung

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