Diskrete Schönheiten am Wegrand

Murzelen

Am Samstag versammelten sich über dreissig Orchideenfreunde beim Schützenhaus in Murzelen. Sie suchten die seltenen, gefährdeten Pflanzen.

  • loading indicator

Nein, mit den hochgezüchteten Treibhausgewächsen oder exotischen Prachtsorchideen haben die einheimischen Schönheiten wenig gemeinsam. «In mir wecken sie eher einen Beschützerinstinkt», sagt Isabelle Guéra aus Köniz. Sie findet Orchideen auch wegen ihrer Eigenarten sehr interessant und freut sich, neue Arten zu fotografieren. Jakob Gnägi von Pro Natura betont, dass auf dieser Exkursion nicht Quantität, sondern die Qualität der Orchideen im Zentrum stehe. «Oft sehen wir nur eine pro Art.»

Zur Exkursion eingeladen hatte der Schutzverband Wohlensee. Dieser vereint laut Jakob Gnägi alle umliegenden Gemeinden sowie Interessenverbände wie die Fischer, Jäger oder Ruderer. «Es ist jeweils gar nicht so einfach, alle Anliegen unter einen Hut zu bringen», sagt Gnägi. Auch die Orchideen würden unter den verschiednen Interessen leiden: auf der einen Seite die Wald- oder intensive Landwirtschaft, auf der anderen Seite eine geschützte, bedrohte Planzenart.

Gutes Auge wichtig

Jakob Gnägi führt die Gruppe den Hostettmattweg entlang in den Wald. «Leider ist das Düngen der Feind der Orchideen», erklärt er. «Viele Arten bevorzugen Kalk­böden, und wegen der besseren Lichtverhältnisse wachsen die meisten Orchideen am Wegrand.» Nur geübte Botaniker erblicken das Rote Waldvögelein auf Anhieb. Während die ersten Orchideenfreunde fotografieren, blättern andere in Pflanzen­führern oder suchen verwandte Arten auf dem Tablet.

Viele ­Exkursionsteilnehmer sind Orchideenexperten. Da werden Fachgespräche geführt über die Pollenstellung oder die nicht verzweigten Blattnerven. Andere tauschen Geheimtipps aus über Standorte anderer Orchideen in der Umgebung. Jakob Gnägi seinerseits weist auf die Holzpfosten hin, die die seltenen Standorte schützen sollten. «Aber viele reissen die Pfosten aus Unkenntnis aus, das tut weh.»

Unscheinbar, aber sehr selten

Der 84- Jährige untersucht seit 25 Jahren die Orchideenwelt rund um den Wohlensee und zeichnet Koordinaten der Fundorte auf Karten ein. Dabei verwendet er für die Blumen die lateinischen Namen, da die deutschen nicht standardisiert seien. Für Bewunderung sorgt auf der Exkursion die Grünliche Waldhyazinthe. Dies nicht wegen ihres unscheinbaren Aussehens, sondern weil sie eine der seltensten Arten ist. Die Braunrote Stendelwurz blüht zwar noch nicht, wird aber ebenfalls fotografisch festgehalten wie das Knabenkraut oder die Violette Stendelwurz.

Nach einem kurzen Regenguss und mit den ersten warmen Sonnenstrahlen schliesst die Exkursion in die zerbrechliche Welt der empfindsamen einheimischen Orchideen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt