Diebische Turbulenzen in Neapel

Ein Akt und viele Wirren: Konzert Theater Bern bringt in den Vidmarhallen Rossinis «L’occasione fa il ladro» auf die Bühne – als heitere Sitcom im Mafiamilieu.

Eher ungesittet: Ernestina (Sophie Rennert), der Mafiaboss (Michael Fayfar), Martino (Kai Wegner) und die Handlanger (Statisten mit Hut).

Eher ungesittet: Ernestina (Sophie Rennert), der Mafiaboss (Michael Fayfar), Martino (Kai Wegner) und die Handlanger (Statisten mit Hut).

(Bild: Philipp Zinniker)

Oliver Meier@mei_oliver

Ein Picasso? Ein Picasso! Und was für einer: Die «Weinende Frau» hängt an der Wand, in dissonanten Farben, kubistisch verzerrt. Daneben: die Bucht von Neapel in schönstem Blau, inszeniert durch ein Panoramafenster, das auch den Blick auf Terrasse und Pool freigibt.

Es ist das re­präsentativ halbseidene Heim des Don Eusebio (rosa Blazer, Krawatte, Sonnenbrille, Zigarre). Womöglich gehört ihm die halbe Bucht von Neapel. Nachweislich gestohlen aber ist der Picasso.

Einfach – und kompliziert

«L’occasione fa il ladro» – «Ge­legenheit macht Diebe» nannte Gioachino Rossini seinen Einakter, uraufgeführt 1812 in Venedig, ein «kleines Lustspiel», mit dem der 20-Jährige seine Karriere als Komponist lancierte. Einfacher gehts kaum: sechs Solisten, kein Chor, ein einziges Bühnenbild, dazu ein klein besetztes Orchester. Das passt. Weil das Haupthaus umgebaut wird, lagert Konzert Theater Bern sein Musiktheater aus, setzt auf Minimalismus.

Hingegen: Komplizierter gehts kaum. Was Rossini und sein Librettist Luigi Prividali in neunzig Minuten an Irrungen und Wirrungen anzetteln, kann schon bei der Lektüre Schwindel erregen. Der Plan einer arrangierten Ehe mündet über ungezählte Wendungen in eine Doppelhochzeit, dazwischen gehts um vertauschte Koffer und die Kunst der Hochstapelei. Unter anderem.

Ein Fall für Nigel Lowery? Der Brite galt mal als Enfant terrible der Regieszene, in Bern verlegte er Mozarts «Zauberflöte» zuletzt in ein Kaufhaus, mit maximalem Aufwand und minimalem Erkenntnisgewinn. Bei Rossini aber hat er ein gutes Händchen. Lowery bemüht sich gar nicht erst um psychologische Glaubwürdigkeit. Er stellt das Werk in seiner Künstlichkeit heraus und nimmt dabei kleine, aber entscheidende Eingriffe vor. Der Diebstahl wird zum Leitmotiv, das Stück zu einer Studie über Gier und Eitelkeit.

Missmut und Melancholie

Lowerys Inszenierung ist eine Rossini-Sitcom, in der Klein- und Grosskriminelle aufeinanderprallen. Don Parmenione (Wolfgang Resch) und sein Gefährte Martino (Kai Wegner) sind Ge­legenheitsganoven, die den kriminellen Aufstieg wittern. Don Eusebio (Michael Fayfar) ist ein Mafiaboss aus dem Bilderbuch, die «Zofe» Ernestina (Grandios: Sophie Rennert) scheint direkt einem Nachtclub entstiegen.

Fast schon graziös nimmt sich dagegen Eusebios Nichte Berenice (Evgenia Grekova) aus, die zwischen die Fronten eines Hochstaplers (Wolfgang Resch) und eines arrangierten Bräutigams (Andries Cloete) gerät. Grekovas Auftritte zwischen übersteigertem Missmut und Melancholie erinnern in den besten Momenten an Mozarts «Così fan tutte».

Bis der Reigen diebischer Eitelkeiten richtig in Fahrt kommt, dauert es allerdings eine Weile. Nicht nur beim zwanzigköpfigen Orchester (Leitung: Hans Christoph Bünger), auch auf der Guckkastenbühne könnte man sich manches pointierter und schmissiger, ja überdrehter vorstellen.

Herrlich absurd aber ist das Theater, das Lowery um den Picasso anzettelt: Gleich zweimal wird das Gemälde jäh von einer überlebensgrossen Kostüm-Elster stibitzt.

>Weitere Vorstellungen: bis 18. Juni, Vidmarhallen. Infos/Tickets: www.konzerttheaterbern.ch

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