Die üblen Maschen des Gerüstbau-Clans

Bern

Ein Familienclan aus Nordmazedonien betreibt in Bern zwielichtige Gerüstbaufirmen. Die Masche dabei: Wird es brenzlig, melden sie Konkurs an und gründen eine neue Firma.

Betrug, Fälschung von Dokumenten, Täuschung von Behörden, Beschäftigung von Personen ohne gültige Arbeitserlaubnis: Die Fremdenpolizei in Bern geht diversen Delikten nach. Bild: Walter Pfäffli

Betrug, Fälschung von Dokumenten, Täuschung von Behörden, Beschäftigung von Personen ohne gültige Arbeitserlaubnis: Die Fremdenpolizei in Bern geht diversen Delikten nach. Bild: Walter Pfäffli

Michael Bucher@MichuBucher

In der Berner Gerüstbau-Branche liegt einiges im Argen. So hat sich offenbar bereits vor Jahren ein mazedonischer Familienclan in der Stadt Bern breitgemacht und mischt den Markt auf mit tiefen Preisen und zum Teil illegalen Methoden.

Dies berichtete am Mittwoch die «Rundschau». Das Spezielle an dem Fall: Die rund 40 Männer, welche nach Bern ausgewandert sind und hier dubiose Baufirmen aufbauten, stammen praktisch alle aus demsel­ben Dorf in Nordmaze­donien.

9 Konkurse in 13 Jahren

Der Familienclan hat laut der «Rundschau» eine ausgeklügelte Methode entwickelt, um in Bern seine zweifelhaften Geschäfte zu betreiben. Viele der Angestellten arbeiten illegal in der Schweiz, sie erhalten teilweise fiktive Arbeitsverträge, die keine Sozialabgaben und Unfallversicherung vorsehen.

Offenbar kommt es auch vor, dass plötzlich der Lohn ausbleibt. Reichen Arbeiter Anzeige ein oder wird die Luft generell dünner, so lassen die Chefs ihre Firma in Konkurs gehen – und gründen kurze Zeit später eine neue.

Ein 32-Jähriger Mazedonier sticht dabei besonders heraus. Der Mann hat laut «Rundschau» seit 2006 neun Gerüstbaufirmen gegründet und wieder in Konkurs geschickt. In einem Fall existierte eine Firma von ihm nur gerade ein halbes Jahr lang – während der Bausaison.

Schuldscheine im Wert von einer ­halben Million Franken hat er mittlerweile angehäuft. Manuel Rohrer, der Anwalt des 32-jährigen Mazedoniers, meint auf Anfrage dazu: «Nach einem Konkurs eine neue Firma aufzubauen, ist gesetz­lich nicht verboten.» Er ­bemängelt ausserdem den TV-Bericht. Sein Klient werde als hochrangiges Clanmitglied dargestellt. Doch dieser sei in der Hierarchie in Tat und Wahrheit eher tief angesiedelt.

Drohungen nach Anzeige

Ein ehemaliger Arbeiter hat gegen eine jener Firmen Anzeige eingereicht, weil ihm über 8000 Franken Lohn nicht ausbezahlt wurden. Sein Arbeitsvertrag war auf einem «Fresszettel» niedergeschrieben. Ein weiterer geprellter Mann, der Anzeige eingereicht hatte, erzählt im TV-Bericht, ihm sei daraufhin mit Prügel gedroht worden.

Offenbar ist mit dem Familienclan nicht zu spassen. Auch die SRF-Reporter wurden bei einem unange­meldeten Besuch beim 32-jährigen Mazedonier beleidigt und zur Herausgabe des Filmmaterials gedrängt, wie in der Sendung zu sehen ist.

Besonders bitter für die Arbeiter, die auf ihren Lohn warten: Auf Facebook prahlen die Clanmitglieder mit Häusern, Autos und Koffern voller Bargeld. An rauschenden Partys in ihrer Heimat wird auch mal mit Pistolen in die Luft geballert, wie in dem TV-Beitrag zu sehen ist. Solche Posts waren mit ein Grund, warum die Behörden dem Clan auf die Schliche kamen.

«Die Behörden haben komplett den Überblick verloren, wer in diesen Quartieren lebt und wohnt.»Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei

An vorderster Front aktiv ist die Stadtberner Fremdenpolizei. Seit rund fünf Jahren hat sie die Mazedonier-Connection auf dem Radar. «Wir bringen alle Delikte zur Anzeige, die wir feststellen», sagt Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei.

Betrug, Fälschung von Dokumenten, Täuschung von Behörden, Beschäftigung von Personen ohne gültige Arbeitserlaubnis sind nur ein paar davon. Beim zuvor genannten 32-Jährigen kommen 12 Anzeigen zusammen. Dessen Anwalt relativiert: «Der grösste Teil davon sind Anzeigen wegen zu schnellen Autofahrens.»

«Ein paar Männer aus dem Clan wurden bislang des Landes verwiesen, bei anderen sind noch Verfahren hängig», sagt Ott. Laut ihm befinden sich die Clanmitglieder alle meist legal in der Schweiz. «Durch Hochzeiten innerhalb der Sippe wurden etliche erleichterte Familiennachzüge in die Schweiz möglich», führt er weiter aus.

Schattenwirtschaft droht

Dass von den Angestellten über die Hälfte illegale Arbeiter sind, welche in der Regel von einer Anzeige zurückschrecken, ist für Ott kein neues Vorgehen. Auch bei Billigcoiffeuren und asiatischen Restaurants würden in Bern oftmals solche Praktiken angewandt. «Wir wollen solche Tendenzen zu einer Schattenwirtschaft gezielt stören», hält er fest.

Zustände wie in gewissen deutschen Grossstädten wolle man in Bern unbedingt vermeiden. Clans hätten dort ganze Quartiere im Griff, die selbst die Polizei meiden würde. «Die Behörden haben komplett den Überblick verloren, wer in diesen Quartieren lebt und wohnt.»

Wie gross das Problem in Deutschland ist, rechnete die «Welt» vor. So wurden in Deutschland 2016 340 Milliarden Euro in der Schattenwirtschaft umgesetzt. «Deshalb ist es wichtig, dass wir möglichst schon im kleinen Mass intervenieren», sagt Ott, denn solche Praktiken würden immer strukturiertere Formen annehmen und eine ganze Branche kaputt machen.

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