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Die gebeutelte Tanzsparte

Macht es Sinn, die Ballettsparte am Stadttheater abzuschaffen, wie es das Projekt «Neues Theater Bern» vorsieht? Am Luzerner Theater hat man die Sparübung bereits hinter sich – und schlechte Erfahrungen gemacht.

Es ist paradox: Seit den Neunzigerjahren lassen sich bildende Kunst, Schauspiel und Musiktheater oft und deutlich vom Tanz inspirieren. Und spartenübergreifende Projekte sind inzwischen ein eigentlicher Trend. Dennoch sieht sich die Tanzsparte immer wieder gezwungen, ihre Notwendigkeit zu rechtfertigen. Vielerorts wird sie krankgeschrumpft, wenn nicht gar eliminiert. Weshalb? Meist ist Tanz diejenige Sparte, die an einem Theater am wenigsten Kosten verursacht. Aber oft liegt sie der Theaterleitung nicht so am Herzen, da der Tanz immer noch weniger Publikum anzuziehen vermag als die übrigen Sparten. Die Direktoren versuchen hin und wieder mehr oder weniger radikale Strategien; einerseits um Kosten zu sparen, anderseits um mehr Publikum anzulocken. Wobei Erstgenanntes oft mit Letzterem kollidiert. Was zum Beispiel im Luzerner Theater seit langem zu beobachten ist. Nur GastchoreografenDie jüngste Neuorientierung in der Luzerner Tanzsparte besteht darin, dass ab nächster Spielzeit nur noch Gastchoreografinnen und -choreografen verpflichtet werden. Zwar wird es ein festes Ensemble geben. Doch als Leiterin ist mit Kathleen McNurney keine Choreografin, sondern eine Ballettmeisterin verpflichtet worden. Ihre Verantwortung ist es, die Qualität der Truppe sicherzustellen. Das Kreieren von Stücken wird McNurney «zeitgenössisch orientierten» Gastchoreografinnen und -choreografen überlassen. Diese Neuorientierung hatte der Theaterdirektor Dominique Mentha angestrebt, da in den vergangenen fünf Jahren die Tanzdirektorin und Choreografin Verena Weiss nur eine begrenzte Anhängerschaft fand. Ihre Choreografien, die sich an der Tradition des Deutschen Tanztheaters orientierten, trafen nicht jedermanns Geschmack. Aber sie ermöglichten dem Publikum eine konstante Auseinandersetzung mit einer Stilrichtung, die für die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes bis heute prägend ist. Mundels ExperimentDiese stilistische Konstanz respektive deren Bedeutung für das Publikumsinteresse scheinen für Mentha allerdings wenig Bedeutung zu haben. Tanzchefin McNurney soll nun durch ihre Kontakte zu Gastchoreografen Luzern international bekannter machen. Leere ZuschauerreihenDas erstaunt. Denn mehr Internationalität statt stilistische Konstanz hatte bereits Menthas Vorgängerin Barbara Mundel im Tanz versucht. Sie hatte das feste Tanzensemble vom damaligen Tanzchef Richard Wherlock (heute Ballettchef in Basel) abgeschafft. Dies, obwohl Wherlock nicht nur dynamischen, qualitativ hoch stehenden Tanz bot, sondern auch beim Publikum höchst populär war und für ausverkaufte Vorstellungen sorgte. Mundel wollte Innovatives und Riskantes und entschied sich für einen Gastspielbetrieb, den sie «Choreografisches Zentrum» nannte: Internationale Grössen des zeitgenössischen Tanzes kamen nach Luzern, um dort Stücke zu kreieren. Dies war für Insider aufregend, zumal sich unter diesen Tanzgrössen auch wirkliche «Stars» befanden. Das breite Publikum aber war von dieser «Avantgarde» überfordert, und die innovativen Berühmtheiten tanzten oft vor leeren Zuschauerreihen. Identifikation erwünschtGerade die Ära von Richard Wherlock hatte klar gezeigt: Das Publikum möchte sich mit einem Ensemble identifizieren können. Dazu braucht es nicht nur ein fest engagiertes Ensembles, sondern auch die stilistische Konstanz eines vielfältigen Tanzdirektors und Choreografen, der den Kontakt zum Publikum nicht scheut.

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