Die etwas andere Modeschau

Riggisberg

Die geistig und psychisch beeinträchtigten Bewohnenden des Schlossgartens in Riggisberg üben für eine Modeschau. Diese soll eine Begegnung mit Menschen ohne Beeinträchtigung schaffen.

Die Schlossgarten-Models stehen beim Finale gemeinsam auf dem Laufsteg. Nur Dekoration und Publikum fehlen noch.

Die Schlossgarten-Models stehen beim Finale gemeinsam auf dem Laufsteg. Nur Dekoration und Publikum fehlen noch.

(Bild: Raphael Moser)

Noch fehlt etwas Wichtiges im Saal: der Laufsteg. Was wäre eine Modeschau ohne richtigen Catwalk? Das weiss auch die Schlossgarten-Direktorin Regula Mader und betont: «Am Donnerstag wird hier ein roter Teppich verlegt und der Saal mit Blumen geschmückt.» Die wahren Stars sind hingegen bereits am Mittwoch vor Ort. Elf Models haben sich zur Hauptprobe versammelt. Das Besondere: Sie alle leben wegen einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung im Schlossgarten Riggisberg. Einige von ihnen fast selbstständig, andere sind auf mehr Betreuung angewiesen.

So auch bei der Hauptprobe der Modeschau. Die Models sind alle sehr motiviert dabei. Doch damit der Ablauf wie geplant klappt, helfen neben der Direktorin auch eine Betreuerin, eine Coiffeuse und Beatrice Zbinden von Mode Seematter in Schwarzenburg. Zusammen mit Vögele Shoes und Hostettler-Mode aus Riggisberg stellt sie die Kleidung für den Anlass zur Verfügung. Die Bewohnerin Liliane Widmer ist zufrieden: «Ich liess mich etwas dazu überreden. Doch das Kleid, das ich jetzt habe, ist sehr bequem.»

Idee aus dem Bewohnerrat

Die Idee der Modeschau kam allerdings nicht vom Personal oder den Modehäusern. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Schlossgartens haben einen gewählten Rat. Dieser bestimmt bei der Gestaltung des Areals und des Angebots selber mit. Auch können die Bewohnenden dort eigene Ideen vorbringen. Susanne Willen machte genau das. Der Vorschlag für eine Modeschau stammt ursprünglich von ihr. Bald zwei Jahre sind seit der ersten Idee vergangen. Nun steht der grosse Moment kurz bevor. «Ich freue mich, dass wir den Leuten ohne Beeinträchtigung etwas präsentieren können. Zudem kommt wahrscheinlich mein Freund vorbei», erzählt Willen.

Angelehnt an Charlie Chaplin: Susanne Willen präsentiert einen besonderen Look. Bild: Raphael Moser

Bei den Bewohnenden, die selber nicht mitmachen, sei die Modeschau hingegen ein weniger grosses Thema. «Ich denke, es werden vor allem viele von ausserhalb kommen», sagt die 50-Jährige. Neben der einmaligen Modeschau haben die Bewohnenden aber auch viele andere Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten. So erfreuen sich die Spielabende und der Aufenthaltsraum mit Billardtisch grosser Beliebtheit. Jetzt im Sommer besteht sogar die Möglichkeit für eine gemeinsame Reise ins Tessin oder nach Spanien. Etwas fehlt Willen, die selber im Schlossgarten-Chor mitsingt, allerdings: «Mehr Gelegenheit zum Musizieren wäre schön.»

Nur die Musik ist nicht bereit

Die Musik macht den Bewohnenden auch bei der Hauptprobe einen Strich durch die Rechnung. Am Modeschau-DJ Michel Tinguely liegt es nicht. «Ich habe früher oft bei kleineren Events den DJ gemacht», erklärt er. Der Computer scheint hingegen etwas nervös. Während der Hauptprobe stürzt das System ab, und die Models müssen vorerst ohne die selber ausgewählte Musik über den Laufsteg gehen. «Kein Problem», meint Direktorin Mader, «morgen haben wir sowieso eine bessere Anlage da.»

«Wir wollen eine Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung schaffen.»Regula Mader, Direktorin Schlossgarten Riggisberg

Im Gegensatz zur Musik sind Kleidung und Models bereit für ihren grossen Tag. Dementsprechend zufrieden ist die Direktorin nach der Probe. «Die Bewohnenden sind stolz und haben viel Spass», sagt sie. Doch der Anlass sei nicht nur da, um etwas Abwechslung in den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner zu bringen. «Wir wollen eine Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung schaffen», erklärt Mader. Viele Leute wüssten nicht, wie sie mit Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen umgehen sollen. Die Modeschau soll das Eis brechen und zeigen, dass die Schlossberg-Bewohnenden nicht viel anders sind als alle anderen.

Spielt die Technik am Donnerstagabend mit und ist das Lampenfieber nicht allzu gross, steht einer etwas anderen Modeschau nichts im Wege.

Donnerstag, 13. Juni um 18 Uhr: Modeschau im Schlossgarten Riggisberg

Berner Zeitung

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