Der Kampf ist gewonnen

Unser Redaktor begab sich für einen Selbstversuch am Grand Prix von Bern auf die Laufstrecke. Auf 16 Kilometern trat er dabei gegen seinen inneren Schweinehund an. Er gewann den Kampf – aber nur knapp.

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Christian Häderli@ChriguHaederli

Alles in Ordnung. Ich sitze im Zug, der mich an den Start bringt. Ich bin zuversichtlich. Auf das freitägliche Feierabendbier habe ich verzichtet, ich fühle mich ausgeschlafen und fit. Trainiert habe ich zwar nicht so viel, wie ich eigentlich wollte. Und ausgerechnet heute fühlen sich meine Schultern und mein Nacken unangenehm verspannt an. Aber das wird schon, denke ich. Kann ja nicht so schlimm sein.

Auf dem BEA-Gelände angekommen, stelle ich fest, der Grand-Prix-Läufer unterscheidet sich vom BEA-Besucher insbesondere durch zwei Dinge: Er trägt mehr Funktionskleidung. Und trinkt weniger Bier. Die Stimmung im Startgelände schwankt irgendwo zwischen angenehm friedlich und leicht nervös. Schliesslich gibt es vor dem Start noch einiges zu erledigen: Startnummer abholen, Blase leeren, einlaufen. Nicht alle haben das Timing für ihre Vorbereitungen gleichermassen im Griff.

Ich starte in Block 10. Skispringer Simon Ammann gibt um Punkt 16:13:30 Uhr den Startschuss ab. Es geht los. Ich renne auf der Papiermühlestrasse dem Aargauerstalden entgegen. Ich habe mir vorgenommen, den Lauf in weniger als einer Stunde und 20 Minuten abzuschliessen. Tief in mir drin ahne ich aber schon kurz nach dem Start: Das werde ich nicht schaffen. Zu wenig ambitioniert habe ich in den letzten Wochen trainiert.

Vorerst läuft aber alles wie am Schnürchen. Neben mir entdecke ich Simone, die Pacemakerin meines Startblocks. Der blaue Heliumballon, der über ihr schwebt, verrät: Sie wird die bevorstehenden 10 Meilen in exakt einer Stunde und 20 Minuten absolvieren. Ich renne ihr davon und fühle mich leicht überheblich dabei.

Während ich den Aargauerstalden hinunterrenne, werde ich euphorisch. So viele Zuschauer feuern uns an, in meinen Kopfhörern läuft einer meiner Lieblingssongs, es läuft sich so ring, als könnte ich noch ewig weiterrennen. Ich beschleunige – «Nume nid gschprängt», heisst es auf jener gelben Tafel, die anzeigt, dass der erste Kilometer nun überwunden ist. Das sollte ich mir zu Herzen nehmen.

Erstmals richtig ernst wirds für mich auf Kilometer 5: Im Marziliquartier läuft plötzlich wieder Simone mit ihrem Ballon neben mir. Sie darf mich nicht abhängen, sonst erreiche ich meine gewünschte Zielzeit nicht. Ich bleibe ihr auf den Fersen. Alles in Ordnung.

Im Kirchenfeldquartier und im Dählhölzliwald habe ich zu beissen. Es geht ziemlich deftig aufwärts. Zumindest fühlt es sich so an. Ich bin aber noch auf Kurs. An einer Wasserstelle kann ich Simone sogar nochmals kurz überholen – bevor sie mich wenige Minuten später wieder einholt. Ich keuche. Der Druck steigt.

Auf der Monbijoubrücke fühle ich mich ziemlich ausgelaugt. Ich befinde mich auf Kilometer 11 von 16. Lange mache ich das nicht mehr mit. Ich kann nicht mehr. Kopf hoch! Ab dem Moment, an dem sich der Mensch eigentlich komplett erschöpft fühlt, kann er in Extremsituationen trotzdem noch erstaunliche Leistungen hervorbringen. Hab ich mal irgendwo gelesen. Mein Erschöpfungsgefühl ist nur psychisch. Ich muss mein Hirn einfach ausschalten können. Denke ich, und schliesse ein letztes Mal zu Simone auf, die mir zuvor schon fast entwischt wäre.

Dann muss ich sie ziehen lassen. Kurz vor dem Bundesplatz bringen alle selbstüberzeugerischen Fähigkeiten nichts mehr. Ich kann das Tempo nicht mehr halten. Auf dem Münsterplatz verfalle ich in eine Art Trance. Ich bewege mich fort, so schnell ich eben noch kann. Meine Beine wollen nicht mehr recht. Sie schmerzen.

«Itz geits obsi!», steht nach Kilometer 14 auf der gelben Anzeigetafel geschrieben. Mir gehen Fluchwörter durch den Kopf, die ich mich nicht getraue, hier niederzuschreiben. Schmerzhaft wird mir bewusst: Zwischen mir und dem sehnlichst herbeigewünschten Ziel liegt noch der berühmt-berüchtigte Aargauerstalden. Jener scheinbar endlose Anstieg also, der schon so manchem GP-Läufer zum Verhängnis wurde.

Während des Anstiegs kann ich nicht mehr recht. Zeitweise mag ich nicht mal mehr rennen, sondern trotte unzufrieden vor mich her. Zahlreiche Läufer überholen mich. Ein ziemlich demütigendes Gefühl, wie ich finde.

Ungefähr 500 Meter vor dem Ziel sammle ich meine allerletzten Kräfte und ziehe das Tempo nochmals an. Es reicht sogar für einen Schlussspurt. Ich renne über die Ziellinie. Erleichterung macht sich breit. Und Euphorie. Ich habs geschafft. Der Kampf ist gewonnen! Das Leiden hat ein Ende. Ich geniesse den Moment. Ich erhalte ein Sportlergetränk. Und zwei Bananen. Beides schmeckt unglaublich gut. Das Durchhalten hat sich gelohnt. Alleine schon für diesen Triumph.

Ich erhalte meine Zielzeit aufs Handy geschickt: 1:25:35. Ich habe meine Wunschzeit verfehlt. Und entscheide mich gleich jetzt: Ich werde nächstes Jahr wieder an den Start gehen. Auf meine Wunschzeit hin trainieren. Den Kampf wieder aufnehmen. Und durchhalten. Unbedingt!

Vergleichen Sie auf unserer interaktiven Karte Ihren GP-Lauf mit dem von Christian Häderli.

Berner Zeitung

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