Das Reh macht immer mehr Tannen krank

Das Reh setzt der Weisstanne immer mehr zu: Auf einem Drittel der Berner Waldfläche wächst der wichtige heimische Baum kaum mehr. Besser gehts dem Wald dort, wo das Reh einen natürlichen Feind hat: etwa den Luchs im Gurnigelgebiet.

Werfen ein Auge auf die Weisstanne: Markus Rüfenacht (l.) und Martin Städeli.

Werfen ein Auge auf die Weisstanne: Markus Rüfenacht (l.) und Martin Städeli.

(Bild: Raphael Moser)

Philippe Müller

Die Spur im Schnee ist deutlich sichtbar: Der zweigeteilte Fussabdruck zeugt von einem Reh, das kürzlich vorbeigelaufen ist. Die Spur verrät, was das Ziel des Tiers war: eine kleine Baumgruppe mit jungen Weisstannen. Diese Baumart steht auf der Liste der Lieblingsspeisen des Rehs ganz weit oben.

Tatort ist der obere Hubelwald in der Gemeinde Oberlangenegg, 950 Meter über Meer. Markus ­Rüfenacht zeigt in den Wald: «Auf den ersten Blick ist hier alles in Ordnung. Es gibt viele gesunde Bäume, die Tannen sind hoch gewachsen.» Bloss: «Es sind leider fast nur Rottannen.» Die so wichtige heimische Weisstanne, die mit ihren starken und tiefen Wurzeln dem Boden die nötige Stabilität verleiht, ist mittlerweile deutlich in der Unterzahl.

Rüfenacht beugt sich über eine junge Weisstanne. Der Befund: verbissen. Das Bäumchen daneben: ebenfalls verbissen. Das Rottännchen daneben: gesund. Seine Knospen sind besser geschützt, die Zweige stacheliger. Das mag das Reh nicht. Die wenigen stolzen, grossen Weisstannen in Sichtweite sind schätzungsweise mehr als fünfzig Jahre alt und konnten in Zeiten gedeihen, in denen es in der Gegend kaum Rehe gab.

Wichtig im Sturm

Der obere Hubelwald ist im soeben erschienenen Wildschadengutachten des Kantons orange markiert. Das bedeutet, dass der Zustand kritisch ist, die gewünschte Durchmischung der Baumarten in diesem Wald womöglich nicht erreicht wird. Wäre die Mischung natürlich, betrüge der Bestand der Weisstannen hier mindestens 40 Prozent, in der Realität sind es 20 Prozent.

«Es hat hier viele gesunde Bäume. Leider sind es fast nur Rottannen.»Markus Rüfenacht, Revierförster

Rund ein Viertel der Berner Waldfläche ist auf der Karte orange eingefärbt (siehe Grafik), weitere 10 Prozent rot. Dort gilt der Wildtiereinfluss als untragbar. Vor zwei Jahren fiel auch der obere Hubelwald noch in diese Kategorie, im vergangenen Frühling hat Förster Markus Rüfenacht hier jedoch leicht weniger ver­bissene Bäume gezählt. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass es dem Wald und speziell dem Weisstannenbestand besser geht. «Das ist eine Momentaufnahme. Es kann auch daran liegen, dass der letzte Winter etwas milder war und die Rehe anderes Futter als die Tännchen gefunden haben.»

Wegen der fehlenden Weisstanne leidet die Artenvielfalt im Berner Wald

Der Wald oberhalb von Oberlangenegg hat keine Schutz­waldfunktion. Deshalb ist hier die Weisstanne, die etwa in steilem Gelände vor Hangrutschen schützt, zwar nicht überlebenswichtig. «Aber bei einem Sturm oder einem starken Gewitter könnte sie den Wald vor grös­serem Schaden bewahren», so Rüfenacht.

Drahtgitter oder Jagd

Aus Sicht der Waldabteilungen des Kantons gibt es vorab zwei Möglichkeiten, den Bestand der Weisstanne zu sichern und zu vergrössern. Erstens: Jungtännchen schützen, etwa mit Drahtgittern, Knospenschützern aus Plastik oder chemischen Substanzen. Das bedeutet jedoch für die oft privaten Waldbesitzer sehr viel unbezahlte Arbeits­stunden und ist aufgrund der immensen Waldfläche höchstens punktuell umsetzbar. Vor allem auch, weil diese Arbeiten zum Teil jedes Jahr wiederholt werden müssen, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Zweite Möglichkeit: die gezielte Regulierung des Wildbestandes durch die Jagd. Martin Städeli, Bereichsleiter Waldwirtschaft in der Waldabteilung Voralpen, betont: «Das Wild gehört in unsere Wälder. Ein gewisses Gleichgewicht ist aber wichtig.»

«Das Wild gehört in unsere Wälder. Ein gewisses Gleichgewicht ist aber wichtig.»Martin StädeliBereichsleiter Waldwirtschaft

Die kantonale Volkswirtschaftsdirektion sagt, man prüfe auf Beginn der nächsten Jagd­saison eine Ausweitung der Jagd auf den Donnerstag. Diese Massnahme soll zu einer höheren Reh­abschussquote führen. Zudem wollen das Amt für Wald und das Jagdinspektorat gemeinsam diskutieren, ob mit einer angepassten Jagdplanung in Abschnitten mit vielen Jungtannen Verbesserungen erreicht werden könnten. Infrage kommen könnte etwa eine gezielte, intensivere Bejagung oder auch die Aufwertung der Waldränder. Oft helfe es den Rehen, wenn etwa der Übergang vom Wald ins offene Gelände sicherer gestaltet werde, damit die Rehe den Wald in Richtung saftige Wiesen verlassen, wie das Jagd­inspektorat auf Anfrage ausführt.

Der Luchs hilft der Tanne

Es gibt im Kanton Bern auch Waldgebiete, die sich mittler­weile von den Rehschäden gut erholt haben. Das ist etwa im Gur­nigelgebiet und im Schwarzenburgerland der Fall. Hier hat sich der Weisstannenbestand massiv erholt. «Das sind im Vergleich zu anderen Wäldern fast schon paradiesische Zustände», sagt Martin Städeli. Passiert ist das aber nicht einfach so, sondern vermutlich dank eines anderen Wildtiers: Der Luchs hat sich inzwischen im Gebiet etabliert. Auf seinem Speiseplan weit oben: das Reh. Städeli betont, dass der Kausalzusammenhang zwischen ge­sunder Weisstanne und Luchs noch nicht wissenschaftlich erwiesen sei. Eine Masterarbeit, die an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelschaft in Zollikofen entsteht, soll die Situation im Gurnigelgebiet nun untersuchen.

In gewissen Abschnitten im oberen Hubelwald wird die nächsten Jahre wohl kaum eine Weisstanne gesund heranwachsen. Aufgeben wird Revierförster Markus Rüfenacht jedoch nicht. Er wird weiterhin mit wach­samem Auge durch den Wald schreiten und den Waldbesitzern mit Tipps zur Seite stehen, damit die Weisstanne vielleicht wieder einmal aus dem Schatten der ­derzeit übermächtigen Rottanne treten kann.

Berner Zeitung

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