Das Geschäft mit Fundsachen

Bern

Mützen, Schallplatten oder Edelgold: Für Schnäppchenjäger wurde die Schmiedstube am Freitag zur Fundgrube. Das Fundbüro der Stadt Bern veranstaltete den zweiten öffentlichen Grossverkauf.

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Freitag, 10.30 Uhr, ein paar Dutzend Menschen stehen Schlange in der Kälte. Gebannt blicken sie auf den Eingang des Restaurants Schmiedstube. Hier herrscht am Freitag Ausnahmezustand: 176 Kisten und mehrere Stangen voll Ware gibt das Fundbüro der Stadt Bern zwischen 11 und 15 Uhr zum Verkauf frei. Vier Jahre Fundgut.

Kurz vor elf eilen die ersten fünfzig Leute die Treppe hoch in den Schmiedensaal. Ihre Schritte zeugen von Vorfreude und Neugier. Mit gutem Riecher steuern sie auf den Schmuck zu. Silberketten, Goldringe, Ohrenstecker – eifrig tasten kundige Finger über die edle Ware.

Finden und Abgeben

Am Nebentisch schöpft ein Mann aus Basel grosszügig aus einer Kiste mit Weihnachtsschmuck. «Für meine sieben Schwestern», zwinkert er. Als Händler bezeichnet ihn eine Frau. Die Schnäppchenjägerin kennt ihresgleichen: «Wir sind fast alles Händler.» Drei Stunden hatte sie in der Kälte verharrt. Das zahle sich aus. «Man macht ein gutes Geschäft.»

Wo sonst erhält man einen 5,7-grämmigen Weissgoldring für 101 Franken? Das teuerste Objekt des Anlasses. Billiger präsentiert sich die Frottierwäsche: 50 Rappen das Stück. Irgendwo dazwischen liegen die Preise für Nikon-Kameras, Louis-Vuitton-Halstücher, Pullover von Lacoste oder North-Face-Jacken. Auffällig viele Damenkleider stapeln sich in den Kisten – etwa 60 Prozent, weiss Fundbüro-Mitarbeiterin Jennifer De Giorgi.

Warum Frauen häufiger Kleider verlieren als Männer, darüber kann man nur spekulieren, so auch über das Verlieren noch körpernäherer Dinge wie Gebisse. «Das ist schwer vorzustellen», sagt Stefan Walther, der Leiter des Fundbüros. Verkauft werden Zahnprothesen natürlich nicht, so auch nicht Schlüssel, die am häufigsten im Fundbüro landen. Auch Zehnernoten werden oft abgegeben. «Manche Eltern sehen darin eine erzieherische Funktion», vermutet De Giorgi. «Kinder lernen so, dass Fundgegenstände einen Besitzer haben.»

Andere Kinder möchten gerne Besitzer sein. Kimon steht zwischen Tretrollern. «Ich kann mich nicht entscheiden», murmelt er. Der 4-Jährige gehört zu den jüngsten Gästen. Er wird später strahlend mit einem Stoffbiber nach Hause gehen, da er schon zwei Trottis hat. Im Moment sinniert er aber noch über die Vorzüge eines weiteren Gefährts für seine Sammlung. Derweil beugt sich der Mann aus Basel auf der anderen Seite des Raumes über die sechs verbliebenen Schmuckstücke. «Das ist Metall.» Er zeigt auf eine Armkette. «Eine Fälschung. Ich kenne mich aus. Ich sammle sie.» Man erinnert sich: die sieben Schwestern.

Kaufen und verkaufen

Inzwischen ist Mittag. Vor dem Eingang stehen die Menschen noch immer Schlange. Bis 15 Uhr wird das Fundbüro-Team gut 500 Besucherinnen und Besucher zählen und die Stadtkasse einen Umsatz von rund 7000 Franken. Was übrig bleibt, geht an soziale Organisationen wie Contact Netz oder in ein Brockenhaus.

Doch vorher ergattert der eine oder andere noch ein Schnäppchen. «Ein super Kinderwagen», kommentiert ein Mann seinen Kauf. Er wird ihn im Internet verkaufen. Wer also noch auf der Suche nach einem längst verlorenen Gegenstand ist: Im Fundbüro ist er nicht mehr. Aber vielleicht auf Ricardo oder sonst einem Markt.

Berner Zeitung

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