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Das «chilligste» Praktikum in Bern

Jonas Schmidt hat einen gemütlichen Job: Er wird dafür bezahlt, Geburtstage zu feiern oder ins Kino zu gehen. Hinter dem aussergewöhnlichen Praktikum steckt ein Kunstprojekt.

Keine klare Rollenverteilung: Jonas Schmidt (vorne) vertritt Martin Schick während des Praktikums nicht nur beruflich, sondern primär privat.
Keine klare Rollenverteilung: Jonas Schmidt (vorne) vertritt Martin Schick während des Praktikums nicht nur beruflich, sondern primär privat.
Enrique Muñoz García

Martin Schick und Jonas Schmidt sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich: Beide sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, beide sind eher bodenständige Typen, und beide sind künstlerisch tätig – der eine bereits länger, der andere erst frisch. In den kommenden Wochen werden sich die ­beiden sogar noch mehr annähern, denn Schmidt ist seit ­kurzem Schicks Praktikant. Dabei holt er aber nicht nur Kaffee und schleppt Unterlagen durch die Gegend. Viel mehr wird er Schick in allen möglichen Lebenslagen vertreten: Bei einer beruflichen Sitzung oder auf der Bühne – aber auch mal bei der Familienfeier oder beim Treffen mit Freunden.

Dass Schmidt dafür bezahlt wird, mit Unbekannten beispielsweise ins Kino zu gehen, ist nicht nur das wohl gemütlichste Praktikum in Bern. Gleichzeitig handelt es sich dabei auch um ein Kunstprojekt mit dem Titel «RADIKANT b/» – eine von zehn Aktionen, die der international tätige Performancekünstler Schick für das internationale Theaterfestival «out + about» auf die Beine stellt. Seine Aktionen werden in allen Ecken des Westens stattfinden: Beim Campingplatz Eymatt, im Tscharnergut und auch mit der Notunterkunft Brünnen sind Projekte geplant. Und bei allen gilt: mitmachen erwünscht.

Kunststudent statt Hausfrau

Es ist nicht das erste Mal, dass Schick dieses ungewöhnliche Praktikum realisiert. Bereits vor drei Jahren schickte er einen ­belgischen Studenten an seiner Stelle zu Geburtstagsfeiern und Freundestreffen. «Die Aktion entstand ein wenig aus Trotz gegenüber dem Zwang von Hochschulen, solche Praktika zu verlangen, und der strikten Hierarchie, welche in solchen herrscht», erklärt Schick.

Deswegen wird Schmidt nicht nur geschäftliche, sondern auch private Aufgaben übernehmen. Er und sein Vorgesetzter begegnen sich also auf Augenhöhe. «So soll auch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen – wie es im Leben eines Künstlers ja oft der Fall ist», betont Schick.

Dass sich nun ausgerechnet ein Kunststudent gefunden hat, welcher Schick in vieler Hinsicht ähnelt, habe sowohl seine Vor- als auch Nachteile; einerseits sei ­Jonas Schmidt eine kompetente Vertretung. «Andererseits wäre es aber fast interessanter gewesen, wenn sich zum Beispiel eine Grossmutter oder ein Bauarbeiter beworben hätte», meint Schick. Eine solche Person habe sich aber leider nicht gemeldet.

Eine klare Rolle

Stattdessen war es Schmidt, der sich für das ungewöhnliche Stelleninserat interessierte. «Einerseits fand ich die Idee spannend», erklärt er, «andererseits kannte ich Martin und seine Arbeit bereits ein wenig und wusste, dass er sich etwa im selben künstle­rischen Feld bewegt wie ich.» Und schliesslich, fügt der aus Deutschland stammende Student hinzu, sei auch die Bezahlung ein ausschlaggebender Faktor gewesen. Zehn Franken pro Stunde erhält er dafür, dass er Schick vertritt. «Ein Praktikantenlohn halt», meinen beide.

Wenn man einen eigentlich fremden Menschen im Privatleben ersetzen soll, benötigt es vor allem eines: Offenheit gegenüber unbekannten Leuten und neuen Situationen. Eine Eigenschaft, die Jonas Schmidt mitbringt.

«Es hilft natürlich, dass meine Rolle klar definiert ist», sagt er und erzählt von seinem ersten Auftrag als Double von Martin Schick: Er nahm an dessen Stelle an einer Sitzung des Organisationskomitees des Theaterfestivals «out + about» teil. Darüber, dass er statt Schick erscheinen würde, wusste niemand Bescheid. «Ich habe dann einfach gesagt, dass ich der Praktikant bin», so Schmidt, «und schon wurde ich freundlich positiv empfangen.»

Demnächst muss Schmidt zudem nach Berlin reisen, um dort Freunde von Schick zu besuchen. Ob diese ebenfalls so locker reagieren werden, wie die Mitglieder des Komitees, bleibt offen. «Sie sind sich solche Aktionen von mir eigentlich gewohnt», meint Martin Schick gelassen und fügt schmunzelnd hinzu: «Die haben sich mit dem letzten Praktikanten ganz schön angefreundet.»

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