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Berner glänzen durch Abwesenheit

Seit drei Jahren versucht die Wirtschaftsorganisation, der regionalen Lebensmittelindustrie Schwung zu verleihen. Nur: Viele Berner Produzenten nutzen die für sie geschaffene Plattform gar nicht. Verkommt diese zum Papiertiger?

Schokoladenproduktion von Cailler im freiburgischen Broc: Im Lebensmittel-Cluster der Hauptstadtregion sollen Produzenten künftig bei gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten.
Schokoladenproduktion von Cailler im freiburgischen Broc: Im Lebensmittel-Cluster der Hauptstadtregion sollen Produzenten künftig bei gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten.
Keystone

Als die Hauptstadtregion Schweiz vor sieben Jahren gegründet worden ist, wurde sie mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Allein die Tatsache, dass sich die Kantone Bern, Freiburg, Neuenburg, Wallis und Solothurn über ihre Grenzen hinaus in einem Verein für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum engagieren, galt an sich bereits als Leistung.

Doch dann wurde es ruhig um das Projekt. Das habe einerseits am rasch schwindenden Interesse der Medien gelegen, konstatierte Christoph Ammann jüngst in dieser Zeitung. Der Berner Volkswirtschaftsdirektor ist seit September Co-Präsident der Wirtschaftsregion. Doch andererseits habe man versäumt, Erfolge entsprechend zu kommunizieren, sagt Ammann. Als solche nennt er die Ansiedlung des Pharmakonzerns CSL Behring in Lengnau und die Bundesmittel für das Zentrum für translationale Medizin im Inselspital. Diese seien auch durch geschicktes Lobbyieren der Hauptstadtregion zustande gekommen.

Fokus Lebensmittelindustrie

Dem Ausbau des Gesundheitsstandorts und der Vernetzung der einzelnen Branchenplayer gilt denn auch das Hauptaugenmerk der Hauptstadtregion. Ein anderer Fokus liegt auf der Lebensmittelindustrie. In diesem Bereich tätige Unternehmen will der Verein durch den in Freiburg angesiedelten Cluster Food and Nutrition unter die Arme greifen. Der Plan: Eine Plattform für den Austausch zwischen Produzenten, Forschungszentren und Verbänden schaffen und gemeinsame Projekte lancieren und begleiten. Doch was ist seit der Gründung vor knapp drei Jahren geschehen?

Ein Blick auf die Mitgliederliste und Gespräche mit Produzenten der Region lassen vermuten: nicht viel. Zwar finden sich auch grosse Namen der Branche wie etwa Micarna, Cremo oder Cailler unter den 76 Mitgliedern. Allerdings sind diese vor allem in der Westschweiz angesiedelt. Der Kanton Bern ist zwar mit vielen Verbänden und Forschungsinstituten vertreten. Doch bekannte Produzenten sucht man vergeblich – mit Ausnahme der Agrargenossenschaft Fenaco, des Schokoladenherstellers Camille Bloch und des Ovomaltine-Produzenten Wander.

«In den nächsten Jahren werden wir versuchen, mit möglichst vielen Berner Unternehmen ins Gespräch zu kommen.»

Nadine Lacroix Oggier

Nahrungsmittelhersteller wie Haco – mit rund 1200 Mitarbeitern eine Branchengrösse –, die grössten Seeländer Gemüseproduzenten oder der Emmentaler Biskuithersteller Kambly: Sie alle sucht man auf der Mitgliederliste vergeblich. Stellt sich die Frage: Hat die Hauptstadtregion und ihr Lebensmittelcluster unter den Berner Produzenten ein Akzeptanzproblem?

«Kaum Mehrwert»

Von den grossen Abwesenden möchte sich zwar kaum einer exponieren. Die Gründe, warum sie die extra «für sie» gegründete Plattform der Hauptstadtregion nicht nutzen, sind vielseitig: Sie reichen von Unkenntnis der Ziele und der Strategie der Ver­antwortlichen bis hin zur Übersättigung durch zu viele Vereinszugehörigkeiten oder Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken. Andere sehen schlicht keinen Sinn darin. Kambly etwa schreibt auf Anfrage: «Wir haben bei der Gründung des Clusters den möglichen Nutzen einer Mitgliedschaft für Kambly erwogen und festgestellt, dass eine solche für uns als ­industriellen Lebensmittelverarbeitungsbetrieb kaum einen Mehrwert ergäbe.»

Konkrete Projekte laufen

Droht der Lebensmittel-Cluster der Hauptstadtregion demnach nach nicht einmal drei Jahren zum konturlosen Papiertiger zu werden? Oder hat man sich schlicht zu wenig um neue Mitglieder bemüht? Nadine Lacroix Oggier, die Managerin des Clusters der Hauptstadtregion, verneint beides. «Ich habe in den ersten beiden Jahren über hundert Firmen besucht, um Mitglieder zu gewinnen», sagt Lacroix Oggier. Dabei habe sie jedoch festgestellt, dass viele Firmen aus Mangel an Konkretem zurückhaltend reagierten.

Deshalb habe man die Kräfte in der Folge weniger auf die Vernetzung, sondern primär auf den Aufbau des Clusters samt Arbeitsgruppen, Konferenzen und ersten Projekten konzentriert. Als solche nennt Oggier ­etwa die Entwicklung und Vermarktung von Vitamin-D-reichen Champignons – eine Zusammenarbeit des Verbands Schweizer Pilzproduzenten mit der Berner Fachhochschule und dem Schweizerischen Vitamininstitut. Oder ein Projekt zur Energieoptimierung in Seeländer Gewächshäusern.

Lacroix Oggier ist sich indes bewusst, dass die Berner Lebensmittelindustrie in der Hauptstadtregion noch untervertreten ist. Anlässe wie das heute unter dem Titel «eine dynamische ­Lebensmittelindustrie» stattfindende Forum sollen helfen, neue Beziehungen zu knüpfen. «In den nächsten Jahren werden wir zudem versuchen, mit möglichst vielen Berner Unternehmen ins Gespräch zu kommen», sagt die Cluster-Managerin. «Mit unseren konkreten Aktivitäten haben wir nun auch die nötigen Argumente, um sie von einer Mitgliedschaft zu überzeugen.»

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