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Ausuferndes Wechselbad der Gefühle

Der belgische Starchoreograf Wim Vandekeybus und seine Kompagnie Ultima Vez eröffnen mit «Speak Low if You ­Speak Love» fulminant die achte Ausgabe des Festivals Tanz in Bern in der Dampfzentrale.

Liebestrunken: Zum Auftakt gings bei Tanz in Bern ausführlich um die Liebe und ihre Abgründe.
Liebestrunken: Zum Auftakt gings bei Tanz in Bern ausführlich um die Liebe und ihre Abgründe.
zvg

So stellt man sich Liebe nicht vor. Eine unheimliche Stimme faucht unverständliche Sätze ins Dunkel. Eine Tänzerin und ein Tänzer irren mit vermummtem Kopf liebesblind über die von Bambus und Seidenvorhängen gesäumte Bühne, bis sie sich schliesslich in einem Liebesreigen bizarrer Bewegungen wiederfinden. Am vorderen Bühnenrand taucht eine Gestalt auf, die ein Seil ins Publikum wirft.

Am Eröffnungsabend des Festivals Tanz in Bern ist gleich klar: Auch das Publikum kann sich der rätselhaften Kraft dieses Ringens um die Liebe nicht entziehen. Neben dem Tanz ist auch die Livemusik wesentlicher Bestandteil von «Speak Low if You Speak Love» des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus.

Wirbeln mit Rhythmus

Die mysteriösen Klänge der Liveband um Mauro Pawlowski und die Sopranstimme der südafrikanischen Sängerin Tutu Puoane untermalen das düstere Szenario. Wie eine Verkörperung der Liebe dirigiert die Sängerin die Tänzer durch den Raum. Niemand kann ihr entgehen, auch ein Tänzer, dem sie ein rotes Schulmädchenkleid anzieht, nicht.

Fast zeitgleich schieben sieben weitere Tänzer in roten Kleidchen einen Schlagzeuger auf einem Teppich ins Rampenlicht. Die Stimmung wird heiter. Griechisch angehauchte Musik mischt sich mit dem harten Beat des Schlagzeugs, zu dem entsprechend schnell getanzt wird. Die Tänzer wirbeln synchron, vom Sturm der Liebe erfasst, über die Bühne. Hier eine Stepptanzeinlage, da ein halsbrecherischer Salto und ekstatische Schreie. Die Hormone spielen verrückt.

Taumeln ohne Höschen

Wim Vandekeybus verlangt einiges, und das nicht nur von seinen durchtrainierten Tänzern, die mit akrobatischen Sprüngen, rasanten Tanzeinlagen, Wurf- und Sturzbewegungen körperlich viel leisten. Auch die Zuschauer werden in dieser eineinhalbstündigen Odyssee durch verschiedenste Facetten der Liebe gefordert. Ein wikingergleiches Mannsbild, das liebestrunken für seine Amazone tötet, und eine Tänzerin, die in einem bezirzenden Liebestaumel immer wieder ihr Höschen verliert, bringen das Publikum zum Lachen.

Eine Dreierkonstellation raubt einigen Zuschauern etwas die Fassung, da zwei Tänzerinnen ihren Geliebten mit Menstruationsblut beschmieren. Vandekeybus spart auch an Szenen kalter Gewalt nicht – die, von lauter, harter Rockmusik umspielt, nichts für Zartbesaitete sind. Doch auch Romantiker kommen auf ihre Kosten. Spätestens dann, wenn das Ensemble sich des Themas Herzschmerz annimmt und mit einem nicht steigen wollenden Drachen daran erinnert, dass Liebe nicht immer nur beflügelt.

Erst mal müde

Alles in allem ist Wim Vandekeybus mit «Speak Low if You Speak Love» ein etwas ausuferndes Gesamtkunstwerk, aus Livemusik, Gesang und Tanz, gelungen, in dem die drei Sparten gleichberechtigt nebeneinander existieren. Nach diesem eingehenden Wechselbad der Gefühle ist man erst einmal etwas müde. Aber man hat auch einiges er- und durchlebt, was in Zeiten minimalistischer Tanzkunst für die erstmals in der Schweiz gezeigte Inszenierung spricht.

Bleibt zu hoffen, dass nach dem Abgang des Dampfzentrale-Leiters Georg Weinand im Frühjahr nun mit der neuen Spartenleiterin Tanz, Anneli Binder, weniger stürmische Zeiten auf die Dampfzentrale warten als in Wim Vandekeybus gar fulminantem Stück.

Wie sich das grösste Berner Tanzfestival unter der neuen Leitung weiterentwickelt, wird sich jedoch erst kommendes Jahr zeigen. Das diesjährige Festival­programm von Tanz in Bern (siehe Box) ist noch massgeblich vom Belgier Weinand geprägt, der immer wieder seine Beziehungen zur belgischen Tanzszene ausgespielt hat.

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