Auf Wachtmeister Studers Spuren

Münsingen

Ein neuer Rundgang führt zu Friedrich Glauser ins Psychiatriezentrum Münsingen. Lohnt sich der Weg?

Ein Wermutstropfen ist unter anderem, dass sich sieben der zehn Hörstationen auf dem Gelände des PZM befinden.

Ein Wermutstropfen ist unter anderem, dass sich sieben der zehn Hörstationen auf dem Gelände des PZM befinden.

(Bild: Urs Baumann/Archiv)

Johannes Reichen

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland kümmert sich nicht nur um Raumplanung und Kulturförderung und Regionalpolitik und Mobilitätsstrategien. Sondern auch um Bewegung. Vor sechs Jahren lancierte sie die App «Wanderwege vor den Toren Berns». Via Smartphone erhalten Spaziergänger und Wanderer auf einer bestimmten Route Informationen zu einem Thema.

Bisher lagen drei Wanderungen vor: der«Dürrenmattweg» bei Konolfingen, der Gürbetaler Höhenweg und die «Genuss-Rundfahrt» Gantrisch. Pünktlich zur Wandersaison ist nun ein vierter Weg aufbereitet worden: «Mit Friedrich Glauser in Mattos Reich» führt ins Psychiatriezentrum Münsingen (PZM). Erarbeitet wurde er vom Museum Münsingen.

Schriftsteller Glauser verbrachte in der einstigen «Heil- und Pflegeanstalt» Münsingen mehrere Jahre als Patient. Zwischen 1918 und 1934 sind sechs Aufenthalte belegt. Hinzu kamen zahlreiche Aufenthalte in anderen psychiatrischen Kliniken. Glauser, berühmt vor allem für seine Krimis um Wachtmeister Studer, verarbeitete diese Erfahrungen in «Matto regiert». Studer ermittelt in der fiktiven Heil- und Pflegeanstalt Randlingen: Der Direktor wird vermisst, ein Patient ist abgehauen.

Auch wenn Glauser im Vorwort etwas anderes schreibt: Randlingen ist Münsingen, und die Personen orientieren sich an realen Vorbildern. Im Dorf war das Interesse denn auch gross, als das Buch 1937 erschien. Die Bevölkerung sei am Bahnhofskiosk Schlange gestanden, um ein Exemplar zu kaufen, heisst es im Audioguide der App. «Zahlreiche Personen aus der Heil- und Pflegeanstalt und aus dem Dorf fanden sich im Roman wenig schmeichelhaft porträtiert.» Die Berner Regierung habe die Publikation sogar verhindern wollen.

Der Themenweg beginnt beim Bahnhof und führt auf direktem Weg ins Psychiatriezentrum - und hinein in die Handlung von Glausers Roman. An zehn Hörstationen erfährt die Wanderin viel Wissenswertes über den Schriftsteller, sein Buch und die Klinik. Neben dem Hörtext hält die App zahlreiche Bilder parat: Das Cover der Erstausgabe, historische Fotos, Innenaufnahmen.

Die App weist allerdings Schwächen auf: Die Karte kann nicht genügend vergrössert werden, damit der genaue Weg durch den Park des PZM ersichtlich wäre. Die Nummern, die die Standorte der Hörstationen angeben, können nicht verortet werden. Auch der eigene Standort ist auf der App nicht ersichtlich. Zudem ist die Bedienung der Hörstücke nicht ganz einfach, spulen oder unterbrechen geht nicht.

Ein Wermutstropfen ist auch, dass sich sieben der zehn Hörstationen auf dem Gelände des PZM befinden. Und nach neun absolvierten Hörstationen hat der Wanderer noch nicht einmal die Hälfte des knapp vier Kilometer langen Wegs hinter sich gebracht. Für die letzte Hörstation muss der weite Weg ins Unterdorf zurückgelegt werden.

Das lohnt sich allerdings und bietet wohl auch Personen noch Neuigkeiten, die alles über Glauser und seinen Krimi zu wissen glauben. Am renaturierten Grabenbach entlang gehts an die Dorfmattstrasse. Hier wurden 1911 mehrere «Pflegehäuser» für das Personal der Klinik gebaut. «Ihre Dächer erinnerten im ursprünglichen Zustand an die Dächer der Klinik», heisst es. Die Häuser bilden auch heute noch ein interessantes Ensemble. Hier ereignet sich eine entscheidende Szene im Buch.

Kurz darauf endet der Weg am Bahnhof, wo die Leute einst Schlange standen für «Matto regiert». Auch die Wanderung macht Lust auf das Buch.

Berner Zeitung

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