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Auf der Alp geben die Tiere den Rhythmus vor

Melken, Käsen, Melken - zwischen diesen Aktivitäten spielt sich der Alltag der Menschen ab. Der erste Tag auf der Alp ist der Versuch einer Aussenstehenden, sich in diese Gemeinschaft zu integrieren.

BZ-Redaktorin Laura Fehlmann am ersten Tag ihres Alpaufenthalts. Video: Claudia Salzmann
BZ-Redaktorin Laura Fehlmann am ersten Tag ihres Alpaufenthalts. Video: Claudia Salzmann

Dieser Aufstieg zum Morgetenpass ist nicht einfach eine Wanderung. ­Jeder Schritt geschieht im Bewusstsein, dass ein längerer Aufenthalt zwischen diesen Bergen des Gantrischgebiets folgen wird, zusammen mit der Bauernfamilie Siegenthaler, die ich erst flüchtig kenne. Die Herausforderung wird sein, mich unauf­dringlich in ihren Alltag zu in­tegrieren, bei der Arbeit zu helfen und täglich darüber zu schreiben.

Von der Unteren Gantrischhütte zur Passhöhe geht man eine gute Stunde hoch. Oben angekommen, ist ein paar Hundert Meter weiter unten die Alp Obriste Morgeten zu sehen. Das Krähen von Macho, dem Hahn, ertönt.

Diese Alp wird für fast drei Wochen mein Zuhause sein.

Ein langjähriger Traum geht für mich hier in Erfüllung: Einmal auf einer Alp leben, Tür an Tür mit Menschen und Tieren, mit einem Minimum an Bequemlichkeiten. Dass Rosmarie und Hans-Ulrich Siegenthaler dies seit Jahrzehnten jeden Sommer tun und mit ihren mehr als 70 Jahren weitermachen, erfüllt mich mit Respekt.

Der erste Tag von BZ-Redaktorin Laura Fehlmann auf der Alp Obriste Morgeten ist der Versuch einer Aussenstehenden, sich in die Berglergemeinschaft zu integrieren.
Der erste Tag von BZ-Redaktorin Laura Fehlmann auf der Alp Obriste Morgeten ist der Versuch einer Aussenstehenden, sich in die Berglergemeinschaft zu integrieren.
Enrique Muñoz García
Das Krähen von Hahn 'Macho' begrüsst die Besucherin auf der Alp.
Das Krähen von Hahn 'Macho' begrüsst die Besucherin auf der Alp.
Enrique Muñoz García
Hansueli Siegenthaler mag vor allem die Arbeit mit den Tieren.
Hansueli Siegenthaler mag vor allem die Arbeit mit den Tieren.
Enrique Muñoz García
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Gleichzeitig erwachen plötzlich Ängste und das Bewusstsein: Hier geht es nicht nur um Romantik. Das Alpleben bedeutet Verzicht und Ausgeliefertsein an eine Natur, die recht unwirtlich sein kann. Ein Gewitter hat einmal sogar Siegenthalers Gästehaus weggetragen.

Der Weg zur Küche, die auch Käserei, Essraum und Treffpunkt ist, führt durch den Stall, in dem tagsüber die siebzehn Kühe stehen und wiederkäuen. Hans-Ulrich Siegenthaler und die Sen­nerin Martina Lempen sind am Melken. Er trägt Eimer um Eimer Milch in die Küche und leert sie in das kupferne Käsekessi, unter dem schon seit 6 Uhr ein Feuer brennt. Aus rund 200 Litern Milch stellen Rosmarie Siegen­thaler und Martina Lempen derzeit täglich zwei Laibe Alpkäse à 11 Kilo her. Dazu Ziegenkäse und Mutschli.

Die Arbeit beginnt um 6 Uhr in der Früh und dauert bis zum Abend um 18 Uhr. Es sind lange, aber stressfreie Tage. Die Kühe bestimmen den Rhythmus der Menschen.

Man reicht sich die Hand zum Gruss. «Chömet doch grad es Gaffi cho trinke», sagt Rosmarie Siegenthaler. Sie stellt frische Milch auf den Tisch und eine Holzschüssel mit dickem Rahm. Auf einem Brett liegt Brot, daneben Butter, Alp- und Geisskäse – wer kriegt da nicht Appetit?

Bald setzt man sich zusammen an den Tisch und geniesst, was die Tiere hergeben und die Menschen damit produzieren, um sich einen Teil ihres Lebensunterhalts zu verdienen. Der Anblick dieses reich gedeckten Tischs weckt das Bewusstsein, was für eine enge Zusammenarbeit von Menschen und Tieren es dafür braucht.

Plötzlich ist die Küche voller Menschen: Hansjürg Siegenthaler ist gekommen, der Sohn des Älplerpaares. Er führt den Bauernhof in Oberwil, unten im Simmental. Und schon wieder öffnet sich die Tür: Sein Bruder Ueli erscheint, begleitet von seinen Töchtern, der 13-jährigen Leandra und Xenia (10). Die beiden kommen für ein paar Ferientage zu ihren Grosseltern. Ihr Vater lässt von seinem Neffen Arno eine riesige Holzbank auf die Alp transportieren, die er selber gemacht hat.

Ueli Siegenthaler montiert eine neue Lampe in der Küche, und sein Bruder Hansjürg geht mit dem Tierarzt in den Stall: Zwei Kälber sind krank, und einer Kuh muss eine totes, noch sehr kleines Kalb herausgenommen werden. Alles geht gut, die Kuh sollte sich bald erholen. Bald gehen die Männer ins Tal, um zu holzen, und die Schreibende macht sich mit Martina Lempen auf die Suche nach zwei Gruppen Rindern. Sie machten es sich weit oben hinter dem Berg gemütlich, sind aber wohlauf und schlecken das Salz, das man ihnen mitgebracht hat.

In der Zwischenzeit gab es Schwierigkeiten mit den Geissen: Ein Durcheinander zwischen zwei Herden ist entstanden. Die einen haben sich ver­laufen. Jene von Siegenthalers steuern auf Obriste Morgeten zu. Ein Teil der anderen findet den Heimweg zurück zu ihrer Alp Bire, zwei Tiere bleiben allerdings zurück und lassen sich von Touristen füttern. Später holt sie ihr Besitzer ab.

So viel Neues und Aufregendes kann in ein paar Stunden Alp­leben passieren. Das gilt es jetzt zu notieren, das geschieht am besten auf dem Bänklein vor dem Gästehaus. Der Kuckuck ruft, am Himmel wechseln sich Sonne und graue Wolken ab, Vögel zwitschern, und über allem liegt ein leiser Klang der Glocken, die die Kühe und Ziegen tragen.

Es gibt sie eben doch, die Romantik auf der Alp.

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