Auch im Dählhölzli: Wildsäuli als Futter für Bären und Wölfe

Stadt Bern

Die Tötung und öffentliche Sektion einer Giraffe in Dänemark hat weltweite Empörung ausgelöst. Aber auch in Bern werden Tiere an andere Tiere verfüttert, sagt Bernd Schildger, Direktor des Tierparks Dählhölzli.

Junge Wildschweine werden zum Teil an Wölfe und Bären verfüttert.

Junge Wildschweine werden zum Teil an Wölfe und Bären verfüttert.

(Bild: Thomas Peter)

Markus Ehinger@ehiBE

Der Aufschrei war gross, als Tierpfleger letzte Woche in Kopenhagen die erst 18 Monate alte Giraffe Marius töteten, sezierten und die Fleischstücke danach an die Löwen des Zoos verfütterten. Für die männliche Giraffe hatte es keinen Platz mehr im Zoo. Nun soll in Dänemark erneut eine Giraffe mit dem Namen Marius verfüttert werden.

Bernd Schildger, Direktor des Tierparks Dählhölzli, versteht die Empörung: «Gerade weil ich sie verstehe, ist es wichtig, dass man über diesen Fall Marius spricht.» Fakt ist aber: Auch im Tierpark Dählhölzli werden getötete Jungtiere an andere Tiere verfüttert.

Kreislauf der Natur

Jedes Jahr kommen im Dählhölzli junge Wildschweine zur Welt. «Nicht nur, damit der Besucher ein Erlebnis mit jungen Tieren hat, und schon gar nicht wegen des Kommerzes», betont Schildger, sondern weil Tiere in einem Zoo möglichst ihr ganzes Verhaltensspektrum ausleben sollen. «Neben der artgemässen Fütterung gehört auch das Leben in Gruppen bei sozial lebenden Arten und das ganze Reproduktionsverhalten mit Werbung, Balz, Begattung, Geburt und Aufzucht dazu.» So könnten Menschen im Zoo ein Bewusstsein, unter anderem für Jungtiere, entwickeln.

«Wenn Jungtiere in ein Alter kommen, in dem sie von ihren Eltern weggejagt werden, versuchen wir, sie in einem anderen Zoo zu platzieren.» Dabei gehe es nicht um «aus den Augen – aus dem Sinn», sondern das Dählhölzli sei bestrebt, die Tiere kontrolliert an einem möglichst guten Ort unterzubringen. Wenn das nicht gelingt, müssen die Tiere getötet werden. «In diesem Fall ist es unlogisch, dies still und heimlich zu machen», sagt Schildger, der auch Präsident des Kompetenzzentrums Wildtierhaltung ist. «Dann modifizieren wir den Kreislauf der Natur.» Das heisst: Jungtiere werden anderen Tieren «zugebracht». Schildger ist der Meinung, dass die Menschen das verstehen – und auch sehen sollen: «Wir verstecken nichts. Man soll wissen, dass Tiere andere Tiere fressen.» Im Dählhölzli werden zum Beispiel junge Wildschweine an Bären und Wölfe verfüttert.

Vernünftige Schweiz

Öffentliche Sektionen würden das Verständnis für die Tierwelt fördern und seien für die neugierigen Kinder richtig und wichtig, meint Schildger. Auch in den Zoos in Basel und Zürich gilt das gleiche Prinzip wie im Dählhölzli. «Die Schweiz ist vernünftig im Umgang mit Tieren», sagt Schildger. Anders in Deutschland, wo das Gesetz Menschen und Tiere nahezu auf die gleiche Stufe stellt. Ein Tier könne laut Schildger zwar leben, aber es fühlt sich nicht wohl, wenn es sich etwa um ein Herdentier handelt, das alleine leben muss. Für Schildger ist deshalb klar: Das Wohlbefinden des Tiers muss an erster Stelle stehen. «Das Leben in der Gruppe ist ein gewichtiger Teil des Verhaltens und der Lebensqualität einer Giraffe», schrieb Schildger am Dienstag in seiner BZ-Kolumne. Dass die Giraffe von Löwen gefressen wird, gehört zur Natur. «Ist es nicht das, was auch in der Serengeti Afrikas tagtäglich passiert?», fragt Schildger.

Entfremdung von der Natur

Als Hauptgrund für die aktuelle Empörung vermutet er eine zunehmende Entfremdung von der Natur. Weit weg von der Stadt würden Geflügel oder Schweine hinter Stacheldraht in grossen Fabriken gemästet, damit niemand merke, wie viele Millionen Hühner oder Schweine eingepfercht sind. So könnten wir sie dann mit gutem Gewissen essen. «Wir essen Fleisch, blenden aber so gut als möglich aus, dass dieses Fleisch in der Auslage des Grossverteilers eigentlich von einem Tier stammt.»

Berner Zeitung

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