Auch der 6. Schulanfang ist besonders

Vor fünf Jahren liess sich Nikki Gysin von dieser Zeitung begleiten, als sie zum ersten Mal als Lehrerin vor einer Klasse stand. Zum Start des neuen Schuljahres erzählt sie, was sich seither verändert hat.

Herzlich willkommen: Die Zweit- und Drittklässler verzieren die Wandtafel und begrüssen so ihre neuen Gspänli aus der ersten Klasse.

Herzlich willkommen: Die Zweit- und Drittklässler verzieren die Wandtafel und begrüssen so ihre neuen Gspänli aus der ersten Klasse.

(Bild: Iris Andermatt)

Annic Berset

Es ist noch mitten in der Nacht, als Nikki Gysin aufschreckt. Nein, sie hat nicht verschlafen, es bleibt noch Zeit, bis sie auf­stehen muss. Erst in ein paar Stunden wird sie wieder vor ihrer Klasse in Kirchlindach stehen, ein neues Schuljahr fängt an. «Die Liste von kleinen Dingen, die ich noch erledigen sollte, ist mir nachts wieder eingefallen», erzählt die 36-Jährige lachend. Zwar war es für Gysin am Montag bereits der sechste Schulanfang, den sie als Lehrerin miterlebte. «Trotzdem ist der erste Schultag jedes Jahr ein besonderer.»

Mehr Neugier als Nervosität

Speziell war der Tag für die Lehrerin aus Bern vor allem vor fünf Jahren, als sie gerade ihr Diplom von der Pädagogischen Hochschule erhalten hatte und das erste Mal vor einer Klasse stand. Diese Zeitung begleitete sie damals beim Einstieg in den Beruf und erfuhr, dass am ersten Schultag nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrpersonen durchaus nervös sind. «Ich war viel, viel aufgeregter als heute. Mittlerweile ist es eher die Neugier auf die Kinder, wie sie ihre Ferien verbracht haben, wie es ihnen geht.» Und anders als 2014 sei die Aufregung vor dem ersten Schultag nicht bereits eine Woche im Voraus ausgebrochen, sondern erst am Sonntagabend – und eben in der Nacht.

So ist es nach den Ferien sicherlich auch dem einen oder anderen der 8900 Erstklässler im Kanton Bern ergangen, die ihre obligatorische Schulzeit am Montag gestartet haben. Neun von ihnen werden die Klasse von Nikki Gysin besuchen, gemeinsam mit vier Zweitklässlern und vier Drittklässlern.

Mittlerweile ist es kurz vor neun Uhr. Vor dem Schulhaus haben sich die Zweit- bis Sechstklässler aufgereiht und stehen Spalier, um die Neulinge willkommen zu heissen. Noch ein bisschen zögerlich betreten diese anschliessend ihr Klassen­zimmer. Nikki Gysin hat mit ihrer Stellenpartnerin die Pulte vorbereitet. Ein farbiges Heft, gelbe Hüte und eine Leucht­weste markieren die Plätze der Erstklässler. Sie setzen sich, manche schauen sich nach ihren Eltern um, im Klassenzimmer herrscht ein Gewusel.

Gelbe Hüte und Leuchtwesten: Nikki Gysin bereitet die Pulte vor. Bild: Iris Andermatt

Zu zweit im Zimmer

9.30 Uhr. Die Kinder haben im Kreis Platz genommen, jüngere neben älteren Schülern. Die Stimmung ist heiter. «Wenn ihr eine Frage habt, werden euch die Zweit- und Drittklässler immer helfen», versichert Nikki Gysin. Nach ersten Infos über den Schulablauf begrüsst sie auch die Eltern. Die Lehrerin hat sich gefreut, sie kennen zu lernen. «Vor den Eltern zu sprechen, war für mich am Anfang ganz etwas anderes, als vor den Schülern zu stehen.» Nun fühle sie sich aber auch vor ihnen wohl, der Austausch und die Kommunikation bezeichnet Gysin als sehr wichtig. «Wir wollen das Beste für das Kind erreichen, und das geht am einfachsten, wenn man zusammenarbeitet.»

Zusammenarbeit, das schätzt Gysin auch in Bezug auf ihre Stellenpartnerin. Die ersten beiden Jahre unterrichtete sie allein an einer Mehrjahrgangsklasse, seither stehen sie jeweils zu zweit im Klassenzimmer. «Zu zweit unterrichten ist eine Be­reicherung, man kann viel voneinander lernen.» Wenn Fragen oder Probleme auftauchen, müsse man diese nicht allein mit sich herumtragen, sondern könne sie sofort besprechen. Ausserdem stehe man nicht ganz allein im Fokus der Klasse, und für die Kinder sei es auch gut, zwei Bezugspersonen zu haben.

Mehr Männer, bitte!

Besonders schätzt Gysin auch nach fünf Jahren, dass sie einen wichtigen Lebensabschnitt der Schüler miterlebt. «Es ist ein echtes Privileg, täglich siebzehn Menschen zu begleiten», sagt sie und hilft einem Erstklässler, die Umrisse seiner Hand auf ein farbiges Blatt Papier zu zeichnen.

Angesprochen auf die schwierigen Seiten im Beruf, muss die 36-Jährige nachdenken. «Hmm.» Die eigenen Energieressourcen im Griff zu haben, das sei eine Herausforderung und manchmal schwer, findet sie.

Lehrerin – für Nikki Gysin ein schöner Beruf. Kurz vor dem Mittag entlässt sie die Klasse, geht ins Lehrerzimmer. Dort essen die Lehrerinnen gemeinsam. Ja, in Kirchlindach hat es ausschliesslich weibliche Lehrpersonen. «Kreative Männer, ab an die PH!», sagt Gysin lachend. Und sie appelliert an eine höhere Wertschätzung, die der Lehrerberuf verdient habe. «Dafür braucht es ein Umdenken der Gesellschaft.»

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