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Als Mann stärker im Fokus

Walter Tschanz arbeitet seit 25 Jahren als Betreuer. Im Alltag sei es manchmal schwierig, eins zu eins nach Lehrbuch vorzugehen, sagt er.

Mirjam Messerli

«Natürlich habe ich in meiner langen Berufslaufbahn auch heikle Situationen erlebt. Es kommt zum Beispiel vor, dass eine Bewohnerin oder ein Bewohner Körperkontakt sucht. In solchen Situationen muss man als betreuende Person – egal, ob Mann oder Frau – eine professionelle Distanz wahren. Wenn mich eine Bewohnerin umarmen oder küssen will, ist es an mir, die Grenzen aufzuzeigen und ihr zu erklären, dass das nicht geht.

Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen es völlig natürlich ist, dass man Körperkontakt hat. Wenn jemand weint, kommt es vor, dass man diese Person kurz in den Arm nimmt. Es ist ein dauerndes Abwägen, aber stets muss das Verhalten professionell sein. Wie wohl alle frage auch ich mich, wie Missbrauch in diesem Ausmass über Jahre unentdeckt bleiben kann. Mich beschäftigt dieser Fall sehr. Es tut mir weh, dass ein einzelner Mann mit seinen Taten dem ganzen Berufsstand schadet. Irgendwie kommt in der Öffentlichkeit eine diffuse Angst auf, dass alle männlichen Betreuer potenzielle Täter sind. Ein solches Pauschalurteil macht mir Mühe. Ob sich bei meiner Arbeit etwas geändert hat? Eine schwierige Frage. Es ist nichts Offensichtliches, eher so ein Gefühl, als würde das Augenmerk stärker auf mich fallen, weil ich halt ein Mann bin. Nicht vonseiten meiner Kolleginnen und Kollegen – von aussen.

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