Vögel jagen und Geier retten

Bern

Manuel Schweizer und Adrian Jordi nehmen Ende Monat in Israel an einem Vogelbestimmungswettbewerb – einem Birdrace – teil. Dabei sammeln die Teilnehmer aus aller Welt Geld zum Schutz der Geier in Afrika.

Adrian Jordi (links) und Manuel Schweizer posieren im Keller des Naturhistorischen Museums mit dem letzten Bartgeier, der im Bernbiet geschossen wurde – 1826 in Grindelwald. «Die Ausrottung des Geiers soll sich in Afrika nicht wiederholen», sagen sie.

Adrian Jordi (links) und Manuel Schweizer posieren im Keller des Naturhistorischen Museums mit dem letzten Bartgeier, der im Bernbiet geschossen wurde – 1826 in Grindelwald. «Die Ausrottung des Geiers soll sich in Afrika nicht wiederholen», sagen sie.

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Hämmann

Die Bilder von Haufen toter Geier in Ostafrika sind so beelendend wie die Geschichte dahinter: Wilderer, die auf das Elfenbein der Stosszähne von Elefanten oder auf das Horn von Nashörnern aus sind, vergiften die Kadaver der von ihnen getöteten und verstümmelten Tiere, ehe sie diese liegen lassen.

Fallen dann Dutzende Geier über das vergiftete Fleisch her, droht ihnen allen der Vergiftungstod. Das Kalkül der Wilderer: Je weniger Geier es hat, desto schlechter funktioniert das Aas-«Hinweissystem», das kreisende Geier für die Anti-Wilderer-Brigaden darstellen.

Ohne Geier wäre die Jagd auf Wilderer also sehr viel schwieriger. Umso dramatischer ist es, wie effizient die Vergiftungs­­methode der Wilderer ist: Während ein kontaminierter Elefant bis zu 500 Geier töten kann, erholt sich eine dezimierte Population nur langsam, da Geier in der Regel bloss ein Junges pro Jahr haben. Das hat dazu geführt, dass der Bestand bei sieben von elf Geierarten Afrikas in den letzten Jahren dramatisch zurück­­gegangen ist; vier Arten sind vom Aussterben bedroht.

Einstimmige Ehrenleute

Ende Monat nehmen die beiden Berner Manuel Schweizer und Adrian Jordi an einem Anlass teil, an dem möglichst viel Geld – und Aufmerksamkeit – für den Schutz der bedrohten afrikanischen Geier gesammelt werden soll.

Beide beschäftigen sich seit Kindsbeinen leidenschaftlich mit Vogelkunde. Der 44-jährige Lehrer Jordi belegt im Schweizer ­­Ornithologen-Ranking Platz 2: Nur einer hat in der Schweiz mehr Vogelarten beobachtet als Jordi, der seit der Bestimmung eines Schachwürgers im vergangenen November bei 366 Arten steht.

Mit Rang 8 gehört auch der 39-jährige Manuel Schweizer zur Spitze der einheimischen Vogelforscher. Und als Kurator für ­­Ornithologie im Naturhistorischen Museum Bern befasst sich Schweizer auch im Job täglich mit Vögeln. Für den wohltätigen Anlass zugunsten des Geiers reisen Schweizer und Jordi nächste ­­Woche nach Israel.

Zusammen mit zwei Kollegen machen sie als «Leica Birders Without Borders», von Leica mit optischen Geräten gesponsert, bei einem inter­­nationalen Birdrace mit. Die Teams aus aller Welt versuchen, im ­­Gebiet um die Wüste Negev, zwischen Rotem und Totem Meer, innert 24 Stunden so viele Arten wie möglich zu bestimmen.

«Die erste Frage an uns ist immer, wie bei Birdraces das Schummeln verhindert wird», sagt Jordi. «Die Antwort ist einfach: Es ist Ehrensache, dies nicht zu tun.»

Damit ein Vogel notiert werden darf, müssen alle vier Team­­mitglieder diesen eindeutig identifizieren – sei es, weil sie ihn gesehen ­­haben, sei es – was häufiger vorkommt –, dass sie seinen Gesang oder seinen Ruf gehört haben.

Zwei, drei Stunden Schlaf

Der Erfolg bei einem Birdrace steht und fällt mit der Kenntnis des Gebiets, in dem nach Vögeln gejagt wird. «In der Schweiz kennen wir sämtliche Begebenheiten», sagt Schweizer. «Wenn uns eine Art noch fehlt, wissen wir, wo wir sie antreffen könnten.» Wo sind welche Brutplätze wann belegt? Wo fliegen Zugvögel zu welcher Zeit über ein Gebiet, wo rasten sie?

«Das Ziel ist der Aufbau schneller Eingreiftruppen. Je schneller klar ist, ob ein Kadaver vergiftet ist, desto mehr Geier lassen sich retten.»Manuel Schweizer, Teilnehmer am Birdrace «Champions of the Flyway»

Das Wissen darüber, langjährig erworben und von Faktoren wie Tages- und Jahreszeit, Wetter und Wind abhängig, entscheidet beim Birdrace über die Rangierung.

Obwohl in Israel der gute Zweck – und das Treffen mit Gleichgesinnten – im Vordergrund steht, werden die «Leica Birders Without Borders» deshalb vier Tage lang das Wettkampfterrain rekognoszieren. Vor dem Wettbewerb gelte es festzulegen, wo man starte und wo man wie lange verweilen wolle.

Im Rennen selbst, diesem Sponsorenlauf der ornithologischen Art, gehe es darum, möglichst wenig herumzufahren, sondern so oft wie möglich draussen zu sein und so viele ­­Habitate wie möglich abzudecken. Vor allem wegen der langen Dauer des Rennens gehe dieses körperlich an die Substanz, sagt Jordi, bevor er anfügt, dass man sich zwei, drei Stunden Schlaf gönnen werde.

«Umweltschutzbehörde»

Wie viele Vögel werden sich denn innert 24 Stunden ungefähr bestimmen lassen? «180 wären nicht schlecht», sagen die beiden, die in der Schweiz den Birdrace-Rekord von 141 Arten halten.

Aber eben: Noch wichtiger als ein gutes Abschneiden ist den Renn-Teilnehmern, möglichst viel Geld zu sammeln. Letztes Jahr trugen die Teams am «Champions of the Flyway» gut 100'000 US-Dollar zusammen, die dem Namen des Rennens entsprechend in den Schutz von Zugvögeln flossen.

Mit dem Geier soll nun erstmals ein Standvogel unterstützt werden – weil dieser besonders dringend darauf angewiesen ist, wie es in den Unterlagen zum Anlass heisst.

«Das Ziel ist es, in Kenia schnelle Eingreiftruppen aufbauen zu können», sagt Schweizer. Je schneller man heraus­­finde, ob ein Kadaver vergiftet sei, desto mehr Geier liessen sich retten. Davon würde übrigens das ganze Ökosystem profitieren: Weil Geier Aas fressen, verhindern sie auch die Ausbreitung von Seuchen und Krankheiten. Man bezeichne die Vögel deshalb auch als «Umweltschutzbehörde», erzählen die beiden Ornithologen.

Mehr Infos und Spendemöglichkeit: www.champions-of-the-flyway.com/birdersborders

Berner Zeitung

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