Gebt uns die Jukebox zurück!

Ein Plädoyer gegen seichte Radiosender und für die demokratischste aller Beschallungen.

Michael Bucher@MichuBucher

Neulich verirrte ich mich hoffnungslos in der Unendlichkeit einer Coop-Grossfiliale. Ich brauchte gedörrte Apfelringli. Das Vorhaben entpuppte sich als die Suche nach dem Bernsteinzimmer. Als wären meine Nerven nicht schon genug strapaziert gewesen, hallte auch noch ein Gölä-Song durch den Laden. Verbrochen hat die unschöne Berieselung das über Gebühr präsente Radio Swiss Pop. Unverständlicherweise greifen auch viele Bars auf den seichten Sender ohne Über­raschungsmomente zurück.

Da lobe ich mir doch die Jukebox – diese demokratischste aller Beschallungen. Leider sind diese kaum noch in Bars anzutreffen. In der unteren Berner Altstadt gab es mal eine Kellerbar, die an den Wochenenden ihre Tore um 4 Uhr in der Früh öffnete. Nachtschwärmer konnten sich dort mit schalem Bier auf den finalen Trunkenheitslevel emporsaufen. Dementsprechend abgedreht präsentierte sich die Songabfolge aus der dortigen Jukebox. Rex Gildo folgte auf Rammstein, «Killing in the Name» auf «Vamos a la playa». Hätte man daraus ein Mixtape für die Angebetete zusammengestellt, man wäre für schizophren erklärt worden.

Aber eben, langweilig wurde es nie. Nicht zuletzt wegen der Szenen, die sich vor der leuchtenden Musikbox abspielten. Der Nerd mit Hornbrille etwa, der die Anwesenden mit einem schier endlosen Referat be­lehrte, warum The Smiths die wichtigste Band des letzten Jahrhunderts gewesen sei, nur um dann fassungslos festzustellen, dass ebendiese in der Jukebox nicht vertreten waren. Dass die Vengaboys gleich fünfmal gelistet waren, machte es für ihn nicht gerade erträglicher.

Oder der Cowboystiefeltyp, der kaum mehr aufrecht gehen konnte und wohl als Erster überhaupt in einem Ausgehlokal «Grüeni Banane» von Peter Reber auflegte. Dass ihn die ganze Gästeschar verdutzt anschaute und in Ge­lächter ausbrach, daran wird er sich wohl nie erinnert haben.

Übrigens: Die Apfelringli fand ich doch noch. Sie waren bei den Backzutaten – wie originell. Meine Freude war nur von kurzer Dauer. Auf dem Weg zur Kasse nölte Chris de Burgh aus den Boxen.

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