Bachelor-Bär, Selfie-Stab und Scheisshaus-Boot

Bern

Der Berner Fasnachtsumzug 2015 war geprägt von vielen bunten Guggen, eher wenig politischen Motiven und ziemlich schlechtem Wetter. Doch die Fasnächtler liessen sich die gute Stimmung nicht nehmen.

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Christian Häderli@ChriguHaederli

Es war ein trüber Blick, der sich kurz vor 14.30 Uhr von der Kornhausbrücke aus anbot. Zu sehen bekam man eine nebelverhangene Berner Altstadt, vom bewölkten Himmel herab fiel Schneeregen. Nicht die besten Bedingungen für den bevorstehenden Fasnachtsumzug, konnte man meinen. Die Passanten, die einem entgegenkamen, waren allesamt in Kapuzen eingehüllt, darum bemüht, möglichst rasch wieder ins Trockene und Warme zu gelangen.

Mit dem Erreichen des Kornhausplatzes hob sich die allgemeine Stimmung merklich. Einander Konfetti zuwerfende Kinder, schrille Kostüme tragende Jugendliche und Bier trinkende Erwachsene prägten das Stadtbild. Fasnächtler und die allwöchentlichen Samstagnachmittags-Shopper hielten sich in etwa im Gleichgewicht.

Konfettiwerfer und feiernde Touristen

Pünktlich um 14.30 Uhr ging es los. Von der Nydeggkirche her bewegte sich der Bär die untere Altstadt hinauf. Er verteilte in Bachelor-Manier Rosen an die Zuschauer. Ihm folgten Guggenmusiken verschiedenster Couleur und mit Musikanten jeglichen Alters.

Eine der Hauptdisziplinen am Fasnachtsumzug war es – wie jedes Jahr – den Zuschauern auf möglichst kreative Weise Konfetti anzuwerfen. Am meisten Spass macht dies natürlich jeweils, wenn die Opfer sich nicht darauf vorbereiten können und wenn sie möglichst grosse Umstände haben, die Konfetti wieder von sich zu entfernen. Potenziell gefährdet sind deshalb Kinder mit offenen Mündern, Fotografen, Brillenträger und Frauen mit langen Haaren.

In letztgenanntes Schema passte eine asiatische Touristin, die mit ihrem Partner als Zuschauerin am Fasnachtsumzug dabei war. Kaum ein Konfettiwerfer mochte das Vergnügen missen, ihr mit geübtem Handgelenkwurf eine Ladung Konfetti zu verpassen. Die Asiatin nahm es locker – ihr Partner stellte sich der Herausforderung, die Ladung Konfetti möglichst dann abzulichten, wenn sie den Werfer schon verlassen, seine Freundin aber noch nicht erreicht hatte. Er war für diese Mission ideal ausgerüstet: Sein Smartphone hatte er auf einen Selfie-Stab mit Fernauslöser montiert.

Wie in den Vorjahren nahmen am grossen Umzug Guggen mit klingenden Namen wie «Le Furz de Bern», «Mutzopotamier» oder «Aaregusler» teil. Fast alle Guggenmusiken trugen sehr kreative Verkleidungen. Um ihre Verkleidungen aber nicht schon zu Beginn des langen Fasnachtssamstags völlig zu durchnässen, trugen viele der Musiker über ihre Verkleidung eine Plastikpelerine, wodurch der Blick auf die Kostüme getrübt wurde. Plastikpelerinen waren übrigens auch bei den Zuschauern im Trend. Diejenigen, die sich nicht darum scherten, wenn sie den hinter ihnen stehenden Personen die Sicht verdeckten, öffneten gar einen Regenschirm, um sich vor dem Schneeregen zu schützen.

Mit dabei war ausserdem eine Formation aus dem Ausland. Die Hungerberg-Hexen reisten aus dem deutschen Münsingen an und brachten unter anderem ihre Gugge-Version von Helene Fischers Riesenhit «Atemlos» mit.

Das Tram Region Bern fuhr immerhin am Fasnachtsumzug

Erstaunlicherweise wurden am Umzug eher wenig politische Themen aufgegriffen. Am Eindeutigsten bekam das verworfene Tram Region Bern §sein Fett weg. Mehrere Fasnächtler hatten sich aneinandergeschlossen als Tram verkleidet. Klingt komisch, ist aber so. Darauf waren Sprüche zu lesen wie: «Dis Tram chasch vergässe» oder «Tram + Gripen – Niemer wotts».

Des Weiteren zu erwähnen sind die «Schisshüsler»: Sie hatten auf einem Anhänger ein Boot gebaut. Mit eingebautem «Schisshus» natürlich. Logisch. Als die ersten Guggen auf dem Bundesplatz eintrafen, hatte man als Zuschauer den Eindruck, einige Musikergesichter sähen nicht mehr ganz so fröhlich aus wie zu Beginn des Umzugs.

Versammelte Bassisten

Jeweils eine Stunde vor dem grossen Umzug gibt es an der «Bärner Fasnacht» den sogenannten «Bassischtekongräss». Auch an diesem Samstag versammelten sich wieder etwa 40 Bassisten verschiedener Guggen beim Chindlifrässer-Brunnen.

Normalerweise sind die Bassisten das Schlusslicht ihrer Formation und «rennen» den anderen hinterher. Am Bassischtekongräss stehen aber für einmal sie im Mittelpunkt. Geschlossen zogen sie die Hauptgasse hinunter und liessen ihre Basstubas oder Sousaphone erklingen.

Womöglich mochte der Regen und die Kälte bei einigen die Stimmung zwischenzeitlich trotzdem etwas trüben. Dies war aber mit Gewissheit nur vorübergehend so. Denn auf dem Bundesplatz fand der Umzug traditionell mit einem Monsterkonzert von mehreren Guggenmusiken den lautstarken und mitunter etwas kakophonen Abschluss. Und die Fasnachtsnacht kommt ja erst. Und die wird alles wieder wett machen. Bestimmt.

Drittgrösste Fasnacht der Schweiz

Die Berner Fasnacht gilt allgemein als drittgrösste der Schweiz nach Basel und Luzern. Sie beginnt traditionell mit der sogenannten Bärenbefreiung. Nach dem Auftakt vor dem Käfigturm am Donnerstag gaben die Guggenmusiken den Takt an und übernahmen das Zepter in der unteren Altstadt.

Zum Programm gehören selbstverständlich auch Schnitzelbänke. Ein weiterer Höhepunkt der Fasnacht in der Bundesstadt ist der Kinderumzug am Freitag. Zu Ende geht die Berner Fasnacht, die heute eine treue «Stammkundschaft» hat, jeweils in den frühen Morgenstunden des Sonntags in Berner Altstadtrestaurants und auf der Gasse.

Auch in Biel

An diesem Wochenende wird auch in Biel noch gefeiert. Dort hatte die Fasnacht bereits am Mittwoch begonnen. Am Samstag stand der Kinderumzug im Stadtzentrum auf dem Programm. Der grosse Fasnachtsumzug findet am Sonntag statt.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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