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3600 Signale für eine Stunde

Wenn in der Nacht auf Sonntag die Zeit eine Stunde überspringt, kann sich der Sigrist der Nydeggkirche noch einmal im Bett drehen. Denn die Umstellung der­ ­Kirchenuhren erfolgt per Signal aus Deutschland.

Das Uhrwerk der Nydeggkirche ist über 80 Jahre alt.
Das Uhrwerk der Nydeggkirche ist über 80 Jahre alt.
Beat Mathys

Über 80 Jahre alt ist das Uhrwerk im Glockenturm der Nydeggkirche. Auf dem grünen Gestell befinden sich zig goldfarbene Zahnräder. Alle zehn Sekunden dreht sich der Schrittmacher, und die Zeiger der drei Zifferblätter bewegen sich ein Stück vorwärts. 1936 wurde das Uhrwerk von der Firma J. G. Baer in Sumiswald gebaut, seither treibt es die Uhren der Kirche an und löst jede Viertelstunde den Glockenschlag aus.

Trotz alter Mechanik: Wenn in der Nacht auf Sonntag die Zeit eine Stunde vorrückt, muss der Sigrist der Nydeggkirche Daniel Lanz nicht um zwei Uhr in der Früh das Uhrwerk richten. Diese Aufgabe übernimmt der DCF77-Langwellensender in Mainflingen bei Frankfurt am Main. Nach dessen Signal richten sich die meisten Funkuhren in Westeuropa – so auch die Uhren der Nydeggkirche.

24-Volt-Magnet statt Pendel

1999 wurde das mechanische Uhrwerk der Kirche elektrifiziert. Seither treibt nicht mehr das Pendel die Uhr an, sondern ein 24-Volt-Magnet. Alle zehn Sekunden erhält er ein Signal. Alle zehn Sekunden rücken die Zeiger vor. «Um die Sommerzeit einzustellen, sendet die Mutteruhr unten im Turm einfach 3600 zusätzliche Signale», erklärt Andreas Sägesser, der das Uhrwerk betreut.

Dafür zuständig ist immer noch die Firma, die das Werk gebaut hat. Sie hat allerdings fusioniert und heisst heute Muri­bear Kirchentechnik. 3600 Signale, das entspricht 6 Signalen für jede Minute der zusätzlichen Stunde, welche die Zeiger vorrücken müssen. Eine Viertelstunde dauert dieser Prozess, dann stimmt die Zeit wieder, dann stimmen die Stunden- und die Viertelstundenschläge.

Handarbeit bis 1999

Der Vorgänger von Sigrist Daniel Lanz stellte das Uhrwerk bis 1999 noch von Hand ein. Doch auch Walter Schleusser kam nicht um den Schlaf, denn er richtete das Uhrwerk jeweils um drei Uhr nachmittags vor der Zeitumstellung. Dann nämlich befand sich das Uhrwerk in der günstigsten Position. Für den Wechsel zur Sommerzeit blockierte Walter Schleusser das Pendel und stellte die Zeiger ein. Für den Wechsel zur Winterzeit hielt er das Pendel für eine Stunde an. Ganz ähnlich geht das heute noch: Eine Stunde lang erhält der 24-Volt-Magnet kein Signal.

Neben Kirchenuhren werden in der Stadt Bern auch Uhren in Schulhäusern sowie beispielsweise die Uhren beim Casinoplatz und am Thunplatz über Funk eingestellt. Laut Dagmar Boss von Immobilien Stadt Bern hat die Stadt Anfang der 80er-Jahre begonnen, die Uhren nach und nach auf Funk umzurüsten, und konnte sie so fortan zentral und sekundengenau einstellen. Auch die Bahnhofsuhren, für welche die SBB zuständig sind, funktionieren per Funk. Der Zytglogge hingegen wird noch manuell eingestellt.

Antenne über den Glocken

Trotz Funk: Etwas darf auch der Sigrist der Nydeggkirche beim Wechsel zur Sommerzeit nicht vergessen: Daniel Lanz muss einen Knopf drücken. Den Knopf, der das kirchliche Geläut von der Winterzeit zur Sommerzeit umstellt. «Beim kirchlichen Geläut schwingen die Glocken, anstatt dass der Hammer sie schlägt», sagt Lanz. Das kirchliche Geläut ist beispielsweise mittags fünf Minuten zu hören und kündigt sonntags den Gottesdienst an. Es reicht also, wenn Daniel Lanz den Sommerzeitknopf am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung drückt.

Die Mutteruhr und der 24-Volt-Magnet sind übrigens nicht das Einzige an moderner Technik, das im Kirchturm der Nydeggkirche verbaut ist. In der Kirchturmspitze befindet sich eine Handyantenne der Swisscom.

Sonntag, 26. März, beginnt die Sommerzeit. Die Uhren werden um 2 Uhr in der Nacht auf 3 Uhr ­gestellt. Es geht also eine Stunde verloren. Siehe auch letzte Seite.

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