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Aus Gold wird innert Minuten Geld

Fünf Minuten nach der Türöffnung ist der Raum voll. Zwei Dutzend nicht mehr ganz junge Frauen sitzen, Handtasche auf dem Schoss, Couvert in den Händen oder Plastiksack zwischen den Beinen, fast andächtig in einem Seminarraum des Hotels Berchtold in Burgdorf. Die Atmosphäre ähnelt der Stimmung in einem Ärztewartezimmer: Auf einem Tisch liegen Magazine auf. Die Damen nippen am bereitgestellten Mineralwasser und unterhalten sich, wenn überhaupt, flüsternd. Wer wann an der Reihe ist, bestimmt eine Nummer, wie auf der Post. Die Wartezeit beträgt bereits eine Stunde. Auf dem Gang hoffen weitere Seniorinnen auf baldigen Einlass. Verantwortlich für den Grossaufmarsch ist Raphael Meyer. Vier Mal pro Jahr reist der Goldschmied aus Zug nach Burgdorf, um den Leuten Edelmetall abzukaufen. Wobei: Burgdorf ist nur eine Station von vielen. Seit vier Jahren tourt Meyer auf der Suche nach Schmuck und Uhren und Münzen und Zahnfüllungen aus Gold und Silber kreuz und quer durch die Deutschschweiz. Was er einkauft, lässt er anderntags in einer Raffinerie einschmelzen; aus dem so gewonnenen Rohmaterial gestaltet Meyer neue Schmuckstücke. «Die Idee zum Handel vor Ort kam mir vor zehn Jahren, als ich bemerkte, dass immer mehr Menschen aus allen Landesteilen in mein Geschäft kamen, um alten, aus der Mode geratenen oder defekten Schmuck loszuwerden», sagt Meyer, der seine Aktionen als «Dienstleistung» für Menschen versteht, die nicht extra zu ihm in die Zentralschweiz reisen mögen, um sich von ihren Preziosen zu trennen. Zu Meyers Kundschaft zählt an diesem Dienstag auch Vreni R.*. Die Kettchen und Ringe, die sie dem Goldschmied und seinen ebenfalls fachkundigen Mitarbeitenden Christian Nielsen und Lisa Fedjuschina vorlegen will, «habe ich jahrelang zu Hause in der Nachttischschublade aufbewahrt», sagt sie. Wenn sie dafür Geld erhalte, sei das zwar «schön», aber «nicht so wichtig. Ich brauche die Sachen einfach nicht mehr und bin froh, wenn ich sie jemandem geben kann, der davon etwas versteht.» Mit dieser Haltung ist sie nicht alleine: Die Wirtschaftskrise habe auf sein Geschäft keinen Einfluss, sagt Meyer. Um finanzielle Nöte zu lindern, würden die wenigsten Menschen zu ihm kommen. «Die meisten können mit dem Gold einfach nichts anfangen.» Was den Wert ihrer Mitbringsel betrifft, hat Vreni R. «keine Ahnung». Wenn sie dafür eine Fünfzigernote erhalte, «wäre ich schon zufrieden». Im Inserat, mit dem er auf seine Aktion hinwies, stellte Meyer in Aussicht, 28 bis 31 Franken pro Gramm Feingold zu bezahlen. «Wer für 18 Karat Gold unter 20 Franken bietet, arbeitet nicht seriös», sagt Meyer. Zwielichtige Gestalten gebe es in der Branche zuhauf; laut dem Fachmann kommen «jeden Tag zwei neue» dazu. Der Grund dafür sei, dass für den Goldhandel keine Lizenz mehr nötig sei und das Gewerbe folglich jedermann offenstehe. Entsprechend würden immer mehr schwarze Schafe auf jener Wiese weiden, die bisher sorgfältig von geprüften Experten bewirtschaftet wurde. Zu einem fairen Handel gehört für den Zuger, nicht sofort auf jedes Angebot einzusteigen. «Wenn ich merke, dass es sich um eine wertvolle Einzelanfertigung oder ein unersetzbares Erbstück handelt, frage ich nach, ob es dem Kunden mit dem Verkauf wirklich ernst ist.» Aber «normalerweise haben sich die Kunden emotional längst von den Stücken getrennt, wenn sie zu uns kommen». Dann gehe es nur noch darum, das Metall abzustossen, und nicht mehr darum, sich von Erinnerungen zu lösen. Über Mittag ist der Andrang im Säli deutlich kleiner als am Morgen. Als 45.Besucherin schüttelt Vreni R. ihren Schmuck vor Christian Nielsen auf den Tisch. Noch während sie ihre Identitätskarte zückt und auf einem Formular ihre Adressdaten notiert – «eine Sicherheitsmassnahme», sagt Meyer –, prüft der Goldschmied jedes einzelne Stück mit der Lupe, trennt die Steine vom Metall, behandelt die Oberfläche mit einer Chemikalie und vermerkt den Wert nach wenigen Minuten auf einem Formular. Mit diesem Papier geht Vreni R. zu Raphael Meyer. Dieser verbucht fein säuberlich jeden Ankauf im Laptop und greift dann in die Kasse. Sekundenbruchteile später traut Vreni R. ihren Augen nicht mehr: Für die paar Schmuckstücke, die zusammen keine 35 Gramm wiegen und für sie nicht einmal mehr Nostalgiewert haben, erhält sie 1021 Franken und 90 Rappen ausbezahlt. «Zufrieden?» fragt der Verkäufer. «Das ist ja wahnsinnig», strahlt die Verkäuferin. Johannes Hofstetter*Der Name ist der Redaktion bekannt. >

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