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«Geh zu ihm, ich habe zugestochen»

Gestern stand die Frau

Sie ist eine zierliche, unauffällige Person, etwa 25 Jahre alt, 1,60 Meter gross, sehr schlank. Sie ist kaum geschminkt, trägt eine graue Jacke, einen schwarzen Pullover, schwarze Hosen, wenig Schmuck. Auffällig sind einzig ihre langen Finger. Mit diesen schmalen Händen unterstreicht sie häufig, was sie sagt, versucht sie zu verdeutlichen, was an jenem 28.April 2008 bei der Wohleibrücke geschah. Gestern stand sie als Zeugin vor Gericht, die Frau, welche die tragischen Vorfälle vor anderthalb Jahren ausgelöst hatte. Zwei Männer stritten um sie, ihr heute 30-jähriger Ehegatte und der einige Jahre ältere Rivale. Alle drei sind türkische Staatsangehörige, genauer Kurden. An jenem Abend im April wollten sich die zwei Männer und die Frau aussprechen. Doch statt zu diskutieren, stiess der Ehemann dem Nebenbuhler ein Messer in die Brust. Der Rivale starb vor Ort, neben seiner Geliebten. Ob die Tat nach juristischen Begriffen eine vorsätzliche Tötung, ein Totschlag oder Notwehr war, hat bis am Freitag das Kreisgericht unter Präsident Martin Müller abzuklären. Die Frau hatte gebeten, nicht im Beisein ihres Gatten und nicht öffentlich aussagen zu müssen. Beides hatte das Gericht abgelehnt. Immerhin platziert Richter Müller den Angeschuldigten weit weg vom Zeugenstand. Ohne den Mann anzusehen, der ihren Geliebten getötet hat, nimmt die Frau Platz. Und ohne ihn zu beachten, sagt sie aus. Die Kurdin mit dem lupenreinen Bündner Dialekt beginnt leise, kaum verständlich. Dann, nach der Aufforderung des Präsidenten, spricht sie deutlicher, schliesslich schildert sie lebhaft, was an jenem Aprilabend geschah. Die Horrorfahrt Nach einer irren Horrorfahrt von Bern nach Hinterkappelen mit Beinahecrash stiegen die zwei Männer und die Frau bei der Wohleibrücke aus dem BMW des Ehemanns. Dieser legte dem Rivalen den Arm um die Schulter. Ob er ihn damit beschützen oder bedrohen wollte, blieb offen. Dann sprach der Nebenbuhler jenen Satz, der ihm das Leben kosten würde: «Ja, ich liebe diese Frau.» Der Ehemann hatte es geahnt, die Gewissheit raubte ihm wohl die Besinnung. Er stiess mit dem Messer zu. Dann wandte er sich an seine Frau. «Geh zum ihm», sagte er, «ich habe zugestochen.» Es ist still im Gerichtssaal nach diesen Worten. Der Angeschuldigte schaut zu Boden. Er bewegt die Beine, seine Fussfesseln klirren. Die Verhandlungen gehen weiter. Manches bleibt widersprüchlich. Die Antwort der Frau auf die entscheidende Frage etwa: Ob ihr Mann die Tat vorher geplant habe, will Gerichtspräsident Müller wissen. Erst sagt sie Ja, wenig später verneint sie den Vorsatz. Die Trauer, die Wut Zwei Stunden dauert die Befragung. Die Frau sitzt aufrecht im Zeugenstuhl. Nur die Bewegungen der schmalen Hände lassen ahnen, was in ihr vorgeht. Ihre Trauer wird erst sichtbar, als sie offenbart, was der verlorene Geliebte ihr bedeutet hat. Er, der lebenserfahrene Mann, habe ihr neue Wege eröffnet, sagt sie. Ihre Wut zeigt sie schliesslich, als es ums Geld geht. Ihre Eltern haben dem Ehemann 15000 Franken geliehen. Das Geld ist noch da, der Staat hat es beschlagnahmt. Der Täter will es den zwei Kindern des Opfers zukommen lassen, den Waisen. Schön und gut und aufmerksam sei das, höhnt die Frau. «Aber er kann doch nicht Gutes tun mit Geld, das ihm nicht gehört.» Peter Steiger Das Urteil ist am Freitag, 13.November, zu erwarten. >

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