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Putins eigene Saat brennt lichterloh

Klaus-Helge Donath

Der russische Premier Wladimir Putin ist ein Mann der Tat. Forsch nimmt er auf dem Sitz des Kopiloten Platz, greift nach dem Steuerknüppel und drückt, hoch über dem Flammenmeer, den entscheidenden Knopf. 21 Tonnen Wasser sausen hinab. «Alles richtig?», fragt er den Piloten bescheiden. «Volltreffer», meint dieser. Das war auch zu erwarten, denn die Kameras des staatlich gelenkten Fernsehens reisten im Cockpit mit. Russland brennt seit Wochen. 200000 Hektaren Wald- und Torfgebiete stehen in Flammen. Feuersbrünste haben Tausende von Häusern vernichtet, ganze Dörfer vom Erdboden getilgt und mindestens 54 Menschenleben gefordert. Ein Ende ist noch nicht abzusehen – Hitze und Dürre halten an. Putin präsentiert sich unterdessen als der Macher, der alles unter Kontrolle hat. Er eilt von Brandherd zu Brandherd, hört sich die Klagen der Betroffenen an und verspricht als oberster Versicherungsagent des Staates grosszügige Entschädigungen. Da er weiss, dass in seinem Reich vieles nicht so läuft, wie es die staatliche Propaganda verbreitet, wird er nun vom Büro aus via Webcams den Wiederaufbau in den zerstörten Dörfern überwachen, damit die Obdachlosen rechtzeitig zum Winter ein neues Dach über dem Kopf haben. Das soll Bürokraten und Korrupten eine Warnung sein. Die vordergründige Botschaft ist eindeutig. Nichts funktioniert im Lande ohne den guten Zaren. Er bietet dem Chaos die Stirn. Auf die Mehrheit der Russen wirkt das beruhigend. Andere Gesellschaften würden in ähnlicher Situation die Frage nach der Effektivität des politischen Lenkungsprinzips stellen. Ist ein Staat seiner Aufgabe gewachsen, wo der Premier Löschflugzeuge lenkt, lecke Gasleitungen flickt und sich gezwungen sieht, in die Rolle eines Privatdetektivs zu schlüpfen? In Russland stellt niemand diese Frage. Sie wäre fast so etwas wie Majestätsbeleidigung. Zwar fürchtet die politische Elite, die Brände könnten sich in einen politischen Flächenbrand ausweiten. Denn ihr ist bewusst, dass sie das Land ausgenommen und heruntergewirtschaftet hat. Katastrophen zeigen regelmässig, dass sie der Aufgabe, die elementare Staatlichkeit zu gewährleisten, nicht gewachsen ist. Die Angst vor politischen Konsequenzen speist sich aus der Verwunderung über das eigene Volk. Auch wenn es kaum noch atmen kann und wochenlang ein Vielfaches der Grenzwerte von Schadstoffen inhaliert, hält das Fussvolk still. Die grosse Mehrheit ist gar erleichtert, wenn sie sieht, dass sich wenigstens Putin und Präsident Dmitri Medwedew engagieren. Viele fürchten eher, dass die beiden Oberhirten Volk und Land sich selbst überlassen könnten. Das würde unweigerlich ins Chaos führen, meint der Durchschnittsbürger. Denn Russland verfügt über keine Zivilgesellschaft, die das Vakuum der Führung vorübergehend ausgleichen könnte. Die Rudimente der Zivilgesellschaft, die in den 1990er-Jahren aufblühte, wurden vom System Putin bewusst beseitigt. Die sogenannte Machtvertikale, die Abhängigkeit vom Kreml und die autoritäre Hierarchie, duldet keine eigenständige Initiative der Gesellschaft. Die Brandkatastrophe zeigt dies deutlich. Russland kennt nicht einmal freiwillige Feuerwehren, die Brandherde schneller lokalisieren könnten. Nach der bolschewistischen Revolution 1917 wurden sie abgeschafft. Die kommunistische Partei traute dem Volk nicht. Auch das System Putin traut ihm nicht. Die Feuerwehr könnte zu einer Keimzelle zivilen Selbstbewusstseins werden. Daher schlüpft Putin selbst in die Rolle des Feuerwehrhauptmanns. Die Folgen der Naturkatastrophe hätten sich eindämmen lassen, wenn die Gesellschaft aus ihrer Statistenrolle entlassen worden wäre. Die Vertikale der Macht hat zwar das Durchregieren bis ins kleinste Dorf erleichtert. Gleichzeitig impfte sie der Gesellschaft und regionalen Amtsträgern aber Ängste ein. Sie sind nicht mehr bereit, eigenständige Entscheide zu treffen und Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Wer selbstständig handelt, könnte Fehler machen, und Fehler werden in der rigiden Hierarchie gnadenlos geahndet. Wer in brenzligen Situationen abtaucht und sich der Führung gegenüber loyal zeigt, hat bessere Chancen zu überleben. Auf die Feuersbrünste waren die Behörden nicht vorbereitet, obwohl die monatelange Dürre weite Landstriche in Pulverfässer verwandelte. Auch an Technik und Professionalität mangelt es. Präsident Medwedew, der die Feuersbrunst vornehmlich am Computer im Kreml verfolgt, sucht unablässig nach Schuldigen. Sein Groll trifft unbedeutende Sündenböcke. Die Gouverneure der Regionen, die die Gefahr unterschätzt und dem Kreml nach dem Mund geredet haben, verschont der Präsident. Denn sie wurden vom Kreml ernannt. Es ist paradox: Feuerwehrhauptmann Putin ist eigentlich auch Brandstifter. 2007 drückte der damalige Präsident ein neues Waldgesetz durch, das die Lobby der Holzindustrie favorisierte. Der neue Waldkodex löste die staatliche Waldaufsicht auf. Mit der Überwachung und Brandvorsorge waren nun regionale Behörden und vor allem die privaten Pächter betraut. 70000 Waldhüter, die Brandherde schon im Anfangsstadium bekämpft hatten, wurden entlassen. Sie fehlen jetzt bei der Bewältigung der Katastrophe. Mit dem Waldgesetz löste der Kreml auch das Ökologieministerium auf, dessen Funktionen ans Ministerium für Naturressourcen übergingen. Dieses Ministerium ist eine Art Aussenhandelsgesellschaft. Wer in erster Linie Rohstoffe und Holz verkauft, kümmert sich weniger um deren nachhaltigen Schutz. Fehlende Gewaltenteilung wird Russland zum Verhängnis. Das System brennt durch. ausland@bernerzeitung.ch>

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