Das Plastik-Zeitalter

Kult-Auto

Nicht nur der Trabi war aus Kunststoff. Auch Sportwagenhersteller waren von den Karosserieteilen aus Fiberglas begeistert. Sie revolutionierten ab den 1950er-Jahren die Fahrzeugproduktion. Sogar ein Schweizer Auto setzte auf das Material.

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In den Fünfzigerjahren begann ein neuer Werkstoff die Fahrzeugherstellung zu revolutionieren. GRP oder Fiberglas erlaubte die kostengünstige Herstellung von Kunststoff-Karosserieteilen hoher Festigkeit.

Vor allem Produzenten von Sportwagen wandten sich begeistert dem neuen Material zu, es entstanden aber auch Limousinen und Kleinstfahrzeuge aus diesem Werkstoff. Meist liessen es die Firmen dabei bewenden, den Karosserieaufbau aus Plastik zu bauen, doch Unentwegte wie Lotus und Rochdale gingen einen Schritt weiter und bauten Gesamtfahrzeuge aus Kunststoff.

Ideal für Bausatzautomobile

Neben den Herstellern von Gesamtfahrzeugen waren auch die Kitcarfirmen, die Autos in Komponentenform anboten, begeisterte Anhänger der Plastikbewegung. Unternehmen wie Ashley, Microplas, Devin, JWF oder Glasspar produzierten Kunststoffkarosserien, die von begabten Heimwerkern mit Grossserienchassis kombiniert zu interessanten Specials aufgebaut wurden. Mancher Karosseriehersteller lieferte auch den Sportwagenherstellern die Basis für deren Autos, so verfügten die ersten TVR über Microplas-Karosserieteile.

Kunststoffkarosserien waren nicht nur bei den Anbietern günstiger Fahrzeuge beliebt, auch Luxussportwagen-Hersteller wie Jensen oder BMW wie auch Ferrari setzten für bestimmte Modelle auf Kunststoff für die Aufbauen (zum Beispiel Jensen C-V8, BMW M1, Ferrari 308 GTB Vetroresina).

Der Teuerste – BMW M1: BMW baute mit dem M1 das wohl teuerste Auto der Kunststoffära (bis 1980). Gerade einmal 460 Exemplare des damaligen Supersportwagens wurden produziert. Er stand seinen Konkurrenten Ferrari 512 BB oder Lamborghini Countach kaum nach, obschon er nur sechs Zylinder hatte. Die Kunststoffhaut wurde auf einen Gitterrohrrahmen gestülpt.

Der Konsequenteste – Rochdale Olympic: Anders als der Konkurrent Lotus Elite, der zumindest in Teilen noch auf Stahl als tragendes Material vertraute, verzichtete Rochdale weitestgehend auf Verstärkungen und bildete die Kunststoffkarosserie als Monocoque aus. Die Hinterradaufhängung wurde zum Beispiel direkt in den aus einem Stück bestehenden Body eingeschraubt. Als Motoren kamen beim zwischen 1960 und 1967 rund 400-mal gebauten 700 Kilogramm schweren Sportwagen Aggregate von Riely, Morris, Coventry Climax und MG zum Einsatz. Damit waren 170 km/h möglich!

Das Geräumigste – Renault Espace: Mit dem Renault Espace führten die Franzosen ein neues Raum- und Fahrzeugkonzept ein, das sich heute grosser Beliebtheit erfreut: die Grossraumlimousine. Entwickelt wurde der Espace vom Sportwagen-Hersteller Matra zwischen 1978 und 1982, 1984 kam er auf den Markt. Die Kunststoffkarosserie wurde auf eine aus Stahlblechpressteilen geformte Bodengruppe aufgesetzt. Mit 1200 Kilogramm war der Espace, der 4,25 Meter lang war, ungewöhnlich leicht und fasste trotzdem bis zu sieben Personen. Nur die Modelle bis 1997 verfügten über eine Polyesterkarosserie, die Nachfolger bauten traditionell mit Stahl.

Der Erfolgreichste – Trabant 601: Über drei Millionen Trabant-Fahrzeuge verliessen die Werkstätten in Zwickau zwischen 1957 und 1991. Mit Zweitaktmotor, Vorderradantrieb und Platz für vier Personen und Gepäck erfüllte er die Bedürfnisse der damaligen Autokäufer in der DDR, die teilweise viele Jahre auf die Auslieferung warten mussten. Die Karosseriebeplankung bestand aus baumwollverstärktem Phenoplast.

Der Ungewöhnlichste – Bond Bug: Nur in Orange und nur mit drei Rädern gab es den Bond Bug zwischen 1970 und 1974. Tom Karen (Ogle Design) gestaltete die extrem keilförmige Formgebung, mit 700 und später 750 Kubikzentimeter und den 29 bis 31 PS waren dank niedrigem Gewicht (394 K8ilogramm) durchaus ansehnliche Fahrleistungen möglich, wenn man sich denn traute. 2270 waren mutig genug für den kultigen Engländer, sogar in die Schweiz schaffte es das Dreirad.

Der Helvetischste – Enzmann 506: Auch die Schweizer bauten Kunststoffautos. Der bekannteste unter ihnen war Karl Enzmann, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren knackige Sportwagenkarosserien auf das Chassis des VW-Käfer setzte und damit direkt in die Porsche-Liga fuhr. Speziell an den Enzmännern war der Einstieg ohne Türen und das nach hinten verschiebbare Hardtopdach.

In Luzern treffen sich am 18. und 19. Mai 2013 die Liebhaber von Kunststoffautos «Fantastic Plastic». Dann erst wird die ganze Breite des damaligen Kunststoffschaffens auf einen Blick sichtbar.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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