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«Wir warfen uns zu Boden. Es herrschte eine schreckliche Stille»

Auf dem Flughafen von Mexiko-Stadt starben bei einer Schiesserei unter Polizisten drei Uniformierte. Seither kursieren die Gerüchte. Die Ordnungskräfte machen keine gute Figur – und die Regierung auch nicht.

Die einminütige Aufzeichnung einer Überwachungskamera am Flughafen von Mexiko-Stadt.

«Wir senden das angehängte Video an sämtliche Korrespondenten, da es von Interesse sein dürfte», heisst es in der Mail, die das mexikanische Präsidentschaftsbüro gestern Freitag verschickte. Zu sehen ist die einminütige Aufzeichnung einer Überwachungskamera am Flughafen von Mexiko-Stadt. Einige Passagiere gehen durch den Terminal 2, andere sitzen an Tischchen und essen. Plötzlich zucken sie zusammen, rennen weg oder werfen sich zu Boden. Im Vordergrund zerbricht eine Glasplatte, dann stürzen zwei Polizisten davon.

Panik unter frühstückenden Passagieren

Die Szene spielte sich am vergangenen Montag im Flughafengebäude der mexikanischen Hauptstadt ab. Die Aufzeichnung dokumentiert die Reaktion der Reisenden auf eine Schiesserei zwischen Polizisten: Zwei Ordnungshüter erschossen drei ihrer Kollegen und flüchteten. Die beiden Uniformierten, die am Schluss durch das Bild hasten, sind die Täter. Sie sind zurzeit noch immer nicht gefasst. Das Verbrechen fand morgens um zwanzig nach acht in der Fastfood-Zone des Terminals 2 statt. Unter den frühstückenden Passagieren brach Panik aus.

Und wie fast immer in solchen Fällen zirkulieren in Mexiko die Gerüchte, weisen Journalisten auf Widersprüche hin, geht der Verdacht um, die Autoritäten wollten irgendetwas verschleiern. Die offizielle Version, die gestern Freitag an einer Pressekonferenz verbreitet wurde, lautet: Die beiden Täter gehörten zu einer Bande, die Drogen aus Peru an den Sicherheitskontrollen vorbei durch den Flughafen schmuggelt. Die drei «good cops» hätten sie verhaften wollen, worauf die «bad cops» zu ihren Dienstwaffen griffen und abdrückten.

Die offizielle Version ist zweifelhaft

Seither betonen Journalisten und unabhängige Sicherheitsexperten, wie unwahrscheinlich diese Geschichte ist. Und falls sie stimmen sollte, bezeuge der Vorfall eine geradezu unfassbare Stümperei. Die Verdächtigen hätte man an irgendeinem Ort und zu irgendeinem Zeitpunkt verhaften können, so die Kritiker – aber ganz sicher nicht mitten in der Restaurant-Zone des Flughafens morgens kurz nach acht. Und warum haben nicht viel mehr Polizisten an der angeblichen Verhaftungsaktion teilgenommen? Wie ist es zu erklären, dass die Opfer nicht einmal dazu kamen, ihre Waffe zu ziehen, geschweige denn, einen Schuss abzufeuern?

Das Ganze deute eher auf eine Abrechnung hin, wie sie sich seit Ausbruch des mexikanischen Drogenkrieges tagtäglich zwischen verfeindeten Verbrecherbanden ereignet. Und warum gibt es keine Videoaufzeichnungen von der Tat selber? Die Kamera sei im entscheidenden Moment per Fernbedienung verstellt worden, hiess es dazu an der Pressekonferenz. Von wem, blieb unklar.

Polizisten sprachen am Handy, statt zu reagieren

Auch sonst stellen die Passagiere, die den dreifachen Mord miterleben mussten, der Polizei kein gutes Zeugnis aus. Zum Beispiel Claudia López: «Wir haben uns alle zu Boden geworfen. Es herrschte eine schreckliche Stille. Fünfzehn Minuten lang wussten wir nicht, was wir tun sollten, weil niemand erschien, und als endlich einige Polizisten auftauchten, sagten sie nur, wir sollten liegen bleiben.»

Laut der Leitung des Flughafens war es nicht die Polizei, sondern ein privater Sicherheitsdienst, der den Tatort mit Bändern abgrenzte und den Zutritt von Unbeteiligten verhinderte. Es habe zehn Minuten gedauert, ehe Polizisten ihren Kollegen zu Hilfe gekommen seien. Eines der Opfer überlebte zunächst die Schiesserei und starb später im Spital. Im Moment des Verbrechens hielten sich rund zehn Uniformierte im Terminal auf; keiner von ihnen versuchte, die Täter an der Flucht zu hindern. Überwachungskameras haben mehrere von ihnen gefilmt, wie sie am Handy sprachen und offensichtlich nicht einmal auf die Schüsse reagierten.

Amerikaner beschuldigen den Chef des Flughafens

Der internationale Flughafen von Mexiko-Stadt gilt seit langem als grosser Schmuggel- und Umschlagplatz für Drogen aus Südamerika. Immer wieder werden Polizisten, Zöllner oder Mitarbeiter von Fluglinien verhaftet, weil sie mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten. Laut dem amerikanischen Justizministerium steckt selbst der Direktor des Flughafens, Héctor Velázquez Corona, mit den Kriminellen unter einer Decke. Er ermögliche dem organisierten Verbrechen nicht nur, Drogen zu schmuggeln, sondern auch, Prostituierte einzuschleusen und unter der Hand Kerosin zu verkaufen. Der Angeschuldigte, der als Freund und Vertrauter des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón gilt, bestreitet die Vorwürfe.

Und noch eine Panne

Am Sonntag finden in Mexiko Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Für die bisherige Regierungspartei PAN, den abtretenden Staatschef Calderón und die PAN-Kandidatin Josefina Vázquez Mota sind die Vorfälle auf dem Flughafen ein PR-Desaster sondergleichen. Ebenso verheerend für Regierung und Ordnungskräfte war, was sich wenige Tage zuvor ereignet hatte: Voller Stolz präsentierte die Polizei den Medien einen jungen Mann, den sie soeben verhaftet hatte. Er sei der Sohn des legendären Drogenbosses Chapo Guzmán und einer der wichtigsten Exponenten des Sinaloa-Kartells. Anderntags stellte sich heraus, dass der Festgenommene keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen zu Chapo Guzmán besitzt.

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