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Mord, Gier und Theater

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt Italien zur Entschädigung von Amanda Knox – wegen unfairer Behandlung.

Verwirrt und ausgeliefert in einem fremden Land. Amanda Knox bei einem Gerichtstermin 2008. Foto: Antonio Calanni (AP/Keystone)
Verwirrt und ausgeliefert in einem fremden Land. Amanda Knox bei einem Gerichtstermin 2008. Foto: Antonio Calanni (AP/Keystone)

Die unendliche Justizsaga um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher, im November 2007 in Perugia, ist um ein Kapitel reicher, und wieder ist es kein rühmliches. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Italien zu einer Geldstrafe verurteilt, weil es nicht fair umgegangen sei mit der amerikanischen Studentin Amanda Knox. In der Nacht des Verhörs verwehrte man ihr juristischen Beistand. Und die Dolmetscherin, die das Juristenitalienisch einfach hätte übersetzen sollen, presste stattdessen zusammen mit den Polizisten Aussagen aus der Anklagten, offenbar auch solche, die sie gar nicht machen wollte.

Knox war damals 20. Sie sagt, sie habe sich wie 10 gefühlt: ohne Sprachkenntnisse, verwirrt im fremden Land, hilflos ausgeliefert.

Die italienische Justiz hat generell keinen sonderlich guten Ruf, auch unter Italienern nicht. Sie ist langsam, durchsetzt von drei Instanzen. Manche Staatsanwälte spielen sich gerne wie Stars auf. In diesem Fall war das ganze System international ausgestellt wie selten: Ein schöne junge Frau aus England als Opfer, eine schöne junge Frau aus Amerika als mögliche Täterin, das alles im schönen Perugia. Dazu Gerüchte zu ausgefallenen Sexpraktiken. Ein Küchenmesser spielte eine wesentliche Rolle, vielleicht auch Drogen, mal trat eine Hellseherin auf. Die Medien berichteten, als wäre jede halbwegs gesicherte Erkenntnis eine neue Episode einer langen Fernsehserie. Gleich zweimal ging es durch alle juristischen Instanzen, theatralisch unterlegt und mit spektakulären Wendungen. Genährt wurde in dieser Zeit vor allem die Sensationsgier.

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Bilder: Amanda Knox kehrt den Spiess um

Das Verfahren gegen sie sei nicht rechtskonform abgelaufen: Amanda Knox in einem Exklusivinterview mit ABC. (31. Januar 2014)
Das Verfahren gegen sie sei nicht rechtskonform abgelaufen: Amanda Knox in einem Exklusivinterview mit ABC. (31. Januar 2014)
Handout, Keystone
Knox und ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito war vorgeworfen worden, die britische Studentin Meredith Kercher getötet zu haben: Knox nach einer Gerichtsverhandlung. (2. November 2007)
Knox und ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito war vorgeworfen worden, die britische Studentin Meredith Kercher getötet zu haben: Knox nach einer Gerichtsverhandlung. (2. November 2007)
Stefano Medici, Keystone
Der Fall ging durch weitere Instanzen, das oberste Gericht Italiens sprach sie aber im März 2015 endgültig frei: Sollecito (Mitte) nach dem endgültigen Freispruch in Rom. (27. März 2015)
Der Fall ging durch weitere Instanzen, das oberste Gericht Italiens sprach sie aber im März 2015 endgültig frei: Sollecito (Mitte) nach dem endgültigen Freispruch in Rom. (27. März 2015)
Ettore Ferrari, Keystone
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Seit Amanda Knox freigesprochen wurde, lebt sie wieder in Seattle und arbeitet als Reporterin. Die Geschichte, sie ist ihr Leben. Ihre Memoiren waren ein Bestseller. Und sie gibt die Vorkämpferin für Frauen, die unfair behandelt und unschuldig verurteilt wurden. In der Serie «The Scarlet Letter Reports» auf Facebook stellt sie Schicksale vor, redet mit den Opfern, weint mit ihnen. Kürzlich erzählte sie auch wieder einmal von ihrem eigenen Schicksal. Sie habe natürlich ein kompliziertes Verhältnis zu Italien, sagte sie, doch sie hasse es nicht: «Ich werde bald wieder hinreisen.» Sie müsse auch zurück nach Perugia, irgendwann einmal, obschon sie dort wahrscheinlich nicht sehr willkommen sein werde, um die Geschichte abzuschliessen – «buchstäblich, körperlich».

Noch hatte sie die Kraft dazu nicht. Unlängst habe sie sich in einem Kino in Seattle einen italienischen Film angeschaut, und als darin ein Schauspieler mit neapolitanischem Dialekt gesprochen habe, wie sie ihn oft im Gefängnis hörte, habe sie weinend den Saal verlassen.

Man kann also erwarten, dass es noch einige Kapitel mehr geben wird. Es ist, als schreibe Amanda Knox auch ein bisschen selber fort an der Serie, die sie ins Zentrum der Weltöffentlichkeit befördert hat. Ihren damaligen Verlobten übrigens, den Italiener Raffaele Sollecito, hat sie bereits wiedergesehen: Er besuchte sie in Seattle.

Auch Sollecito sass vier Jahre in Haft, doch seine Figur verschwand immer im Schatten, den «Foxy Knoxy» warf. Italien hätte ihn entschädigen müssen, immerhin ist auch er freigesprochen worden von aller Schuld – Opfer eines Justizirrtums. Doch stattdessen hat ihn Italien zum Bezahlen der Gerichtskosten genötigt.

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