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Menschenhändlerin muss sechseinhalb Jahre hinter Gitter

In zweiter Instanz hat das bernische Obergericht den Schuldspruch gegen eine 43-jährige Thailänderin bestätigt. Sie war wegen Menschenhandels und Prostitution angeklagt worden.

57 Frauen und Transvestiten soll eine 43-jährige Thailänderin in die Schweiz gelockt haben. Dort mussten sie ihre Schulden als Prostituierte abarbeiten, auch am Lagerweg in Bern.
57 Frauen und Transvestiten soll eine 43-jährige Thailänderin in die Schweiz gelockt haben. Dort mussten sie ihre Schulden als Prostituierte abarbeiten, auch am Lagerweg in Bern.
Susanne Keller
Vom Lagerweg führte eine Spur zur mutmasslichen Drahtzieherin eines Menschenhändlerrings. Die Sexsalons am Lagerweg 12 wurden Ende Februar 2013 definitiv geschlossen.
Vom Lagerweg führte eine Spur zur mutmasslichen Drahtzieherin eines Menschenhändlerrings. Die Sexsalons am Lagerweg 12 wurden Ende Februar 2013 definitiv geschlossen.
Andreas Blatter
Keine Perspektive hat auch diese Sexarbeiterin, die ihren Arbeitsort am Lagerweg verliert. «Dabei will ich doch arbeiten und nicht von Sozialhilfe abhängig sein.» Sexarbeiterinnen vom Lagerweg sprechen über ihre ungewisse Zukunft. In der Nähe der Beratungstelle Xenia. © Susanne Keller
Keine Perspektive hat auch diese Sexarbeiterin, die ihren Arbeitsort am Lagerweg verliert. «Dabei will ich doch arbeiten und nicht von Sozialhilfe abhängig sein.» Sexarbeiterinnen vom Lagerweg sprechen über ihre ungewisse Zukunft. In der Nähe der Beratungstelle Xenia. © Susanne Keller
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Wegen Menschenhandels ist ein Thurgauer Ehepaar in Bern auch in zweiter Instanz verurteilt worden. Das Obergericht bestätigte die sechseinhalbjährige Freiheitsstrafe gegen die Frau und verschärfte das Strafmass gegen ihren Ehemann.

Der 51-Jährige habe beim schwungvollen Handel mit Prostituierten aus Thailand in Müllheim TG, Bern und mehreren anderen Orten nicht bloss kleine Gefälligkeiten für seine Frau erledigt, befand das bernische Obergericht. Verurteilt wurde er wegen Gehilfenschaft zu 36 Monaten teilbedingt gegenüber 30 Monaten bei der Vorinstanz.

Der Mann habe eine aktive Rolle gespielt, stellte die Vorsitzende Oberrichterin Franziska Bratschi fest. Er habe bei der Rekrutierung der Prostituierten in Thailand mitgeholfen, manche Opfer auf der Reise in die Schweiz begleitet und die Frauen hier herumchauffiert.

Weiter habe er die Website des Studios in Müllheim betrieben. Er habe auch aktiv nach weiteren Salons in Deutschschweizer Städten gesucht und E-Mails mit potenziellen Freiern ausgetauscht. Die Verteidigung hatte vergeblich eine Reduktion auf vier Monate gefordert. Der Mann habe seiner Frau nur Gefälligkeiten getan, «er traf keine geschäftspolitischen Entscheide».

«Bereitwillig Auskunft gegeben»

Bestätigt wurde die Freiheitsstrafe gegen die Ehefrau. Das Gericht sprach die 43-jährige Thailänderin schuldig wegen gewerbsmässigen Menschenhandels in 37 Fällen und Förderung der Prostitution in 50 Fällen. Die Verteidigung hatte eine mildere Strafe verlangt: Der Menschenhandel sei nicht in allen Fällen hinreichend dokumentiert.

Inhaltlich folgte das Obergericht im Wesentlichen den Anträgen der Staatsanwaltschaft, gewährte der Frau aber einen grösseren Geständnisrabatt. Die Thailänderin habe nach Auffliegen des Falls bereitwillig Auskunft gegeben und glaubwürdige Aussagen gemacht.

Die Frau war etwa 2004 mit Hilfe einer Organisation in die Schweiz gekommen und musste zunächst Schulden abarbeiten. Ab 2007 prostituierte sie sich in ihrem eigenen Salon in Müllheim. Von 2008 bis 2011 liess sie sich von einem Menschenhändler-Ring in ihrer Heimat Sexarbeiterinnen vermitteln.

Schuldenberge

Die Frauen und Transvestiten reisten illegal in die Schweiz, weil ihnen gute Verdienste versprochen wurden. Für die Reise mussten sie aber 30'000 Franken aufbringen.

In den Salons in Müllheim, Zürich, Winterthur, Rothrist, Basel, Luzern, Solothurn, Trimbach bei Olten, Biel und Bern arbeiteten sie dann vor allem, um ihren Schuldenberg abzubauen. Der Fall flog auf, als sich eine der Prostituierten an die Berner Kantonspolizei wandte.

Die Spuren vieler Opfer haben sich verloren. Manche sind längst wieder in ihrer Heimat, andere tauchten unter oder zogen sich in der Schweiz zurück. Nur zwei der Frauen traten in dem Prozess als Privatklägerinnen auf. Sie bekamen im Grundsatz recht und wurden für ihre Forderungen auf den Zivilweg verwiesen.

Unsichtbarer Käfig

Die Hauptangeklagte hatte sich stets mit dem Argument verteidigt, ihre Landsleute seien freiwillig in die Schweiz gereist und hätten sich ebenso freiwillig prostituiert. Sie hätten jeden Monat Geld nach Hause schicken können, und niemand sei zum Bleiben gezwungen worden. Die Türen seien offen gewesen.

Staatsanwältin Sarah Wildi hatte vor Obergericht entgegnet, die Opfer hätten nur vordergründig freiwillig gearbeitet. In Tat und Wahrheit seien sie in einem subtilen Macht- und Gewaltsystem gefangen gewesen.

Das Urteil des Obergerichts bezeichnete Wildi gegenüber der Nachrichtenagentur sda als «nachvollziehbar». Im Fall des Ehemannes habe das Gericht zudem ihre Einschätzung geteilt, wonach der Mann weit stärker am Geschäft beteiligt gewesen sei als er zugegeben habe.

(SDA)

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