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Kaum ein böser Vorbote

Die Wahrscheinlichkeit betrage höchstens 1 Prozent, dass der Erdstoss vom Montag im Glarnerland Vorbote eines grossen Bebens sei, gibt Donat Fäh vom ETH-Erdbebendienst Entwarnung.

Ein Erdbeben hat Anfang 1964 in Kerns, Kanton Obwalden, erheblichen Schaden angerichtet. Zerbrochene Dachziegel und...
Ein Erdbeben hat Anfang 1964 in Kerns, Kanton Obwalden, erheblichen Schaden angerichtet. Zerbrochene Dachziegel und...
Keystone
... Risse in der Sarner Pfarrkirche zeugen von diesem letzten starken Schweizer Beben.
... Risse in der Sarner Pfarrkirche zeugen von diesem letzten starken Schweizer Beben.
Keystone
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Wer es schon erlebt hat, vergisst es nicht so schnell. Schon bei einem leichteren Erdstoss der Stärke 4 auf der über 10 hinausreichenden Skala hört man unmittelbar nach der gut spürbaren Erschütterung einen explosionsartigen Knall. Im Glarnerland, wo die Erde am Montagabend um 21.12 Uhr unweit von Linthal mit einer Stärke von 4,6 bebte, trieb dieser Knall laut Augenzeugen erschrockene Menschen aus ihren Häusern auf die Strasse.

«Bloss ein schwaches Beben»

«Wenn es knallt, dann reagiert das Haus und nicht der Boden», beruhigt auf Anfrage der Seis­mologe Donat Fäh, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Erdbebendienstes an der ETH Zürich. ­Flexible Hausteile wie von Holzbalken getragene Stockwerke geraten dann im Hausgemäuer kurz in Bewegung. Weit gefährlicher ist laut Fäh, wenn ein Erdstoss die feste Struktur eines Gebäudes in Schwingung versetzt.

Der Glarner Erdstoss von vorgestern Abend ist eines der stärksten Schweizer Beben der letzten Jahre. «Es ist aber bloss ein schwaches Erdbeben», sagt Donat Fäh. Schäden gab es ausser zerschlagenem Geschirr im Glarnerland kaum. Den mit Erdbeben nicht vertrauten Schweizern aber kommt ein solcher Erdstoss stark vor. Dies umso mehr, als er laut Donat Fäh bloss in 5 Kilometern Tiefe, also relativ nah an der Erdoberfläche, ausgelöst wurde und so gut spürbar war.

Mehr Nach- als Vorbeben

Schweizer Medien spekulierten gestern, der Wackler könnte ein Vorbote für ein grosses Beben sein. «Das bisher zerstörerischste Schweizer Erdbeben von 1356 in Basel mit einer Stärke über 6 wurde tatsächlich durch ein Vorbeben angekündigt», sagt Donat Fäh. Vorbeben seien zwar immer möglich, ihre Wahrscheinlichkeit betrage aber nur 1 Prozent.

Viel häufiger seien Nachbeben. Bei Linthal etwa gab es bis Dienstagmittag rund zwanzig kleine Nachbeben, die meistens kaum spürbar waren. «Nachbeben sind häufig, weil nach einem Erdstoss das Spannungsfeld der Erde gestört ist und sie sich wieder einstellen muss», erklärt Fäh.

Schwere Beben möglich

Nach dem schweren Beben in Italien vom letzten August hatte Stefan Wiemer, Direktor des ETH-Erdbebendienstes, erklärt, dass auch in der Schweiz zerstörerische Erdbeben möglich, aber viel weniger wahrscheinlich seien. Denn in Italien bewege sich der Untergrund beim Aufeinandertreffen zweier Kontinentalplatten 2 bis 3 Millimeter pro Jahr, in der Schweiz nur 1 Millimeter.

Auch der südliche Schweizer Alpenraum bekommt es, wie jetzt in Linthal, immer wieder zu spüren, dass tief in seinem Untergrund die grosse europäische Kontinentalplatte auf die adriatische Platte trifft (siehe Grafik). Vor allem in der Kollisionszone im Wallis kann es auch mal stark schütteln. Im Januar 1946 etwa löste ein Erdstoss der Stärke 6 einen Erdrutsch und Gebäudeschäden im Raum Sitten aus. Im März 1964 fielen bei einem Beben der Stärke 5,7 Deckenteile der Pfarrkirche im Obwaldner Hauptort Sarnen herunter.

AKW müssen nachrüsten

Der Stoss bei Linthal erschütterte auch die Staumauer des neuen Pumspeicherwerks Limmern in der Nähe. «Grosse Stauanlagen müssen ein Erdbeben aushalten können, wie es alle 10'000 Jahre passieren kann», sagt Donat Fäh. In der Pegasos-Studie von 2004 wurde die mögliche Erdbebenstärke in der Schweiz nach oben korrigiert. Schwere Beben wie in Basel 1356 sind also wahrscheinlicher als bisher angenommen.

Die Schweizer Atomkraftwerke müssen deshalb nun bis 2020 dem Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi nachweisen, dass sie ein 10'000-jährliches Erdbeben überstehen würden. In einer komplexen Wahrscheinlichkeitsrechnung werden nicht nur die Stärke eines Erdstosses, sondern auch die von ihm ausgelöste Erdbewegung und die Distanz vom Epizentrum verrechnet.

Als Faustregel gilt laut Ensi: Ein mittleres Beben der Stärke 5 bis 6 in unmittelbarer Nähe ist für ein AKW gefährlicher als ein stärkeres Beben in der Ferne. Gefordert sind nicht zuletzt die Betreiber des AKW Leibstadt, das am nächsten bei der Risikozone Basel liegt.

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