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In Gottes Tempel sind auch die Händler unterwegs

Englands Staatskirche ist empört über Spekulanten – doch sie mehrt ihr eigenes Vermögen mit fragwürdigen Methoden.

Peter Nonnenmacher

Kann denn Kapitalismus Sünde sein? Die höchsten Kirchenführer Englands kamen einem «Ja» zu dieser Frage recht nah, als sie diese Woche ihrer Empörung über die Krise der Finanzmärkte freien Lauf liessen.

Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, verkündete, man müsse sich vor kollektiver «Götzenanbetung» hüten, was das Verhältnis zu Geld und Kapital angehe. Den «falschen Gott Mammon» beteten zu viele Menschen an, erklärte auch die Nummer zwei der Anglikaner, John Sentamu, der Erzbischof von York, vor einer Versammlung von internationalen Bankern. Händler, die mit Leerverkäufen bewusst gesunde Banken zum Einsturz brächten, seien im Grunde «Bankräuber», üble «Ausschlachter» erlegter Finanzbetriebe, urteilte Sentamu: «Wir finden uns in einem Marktsystem wieder, das seine Regeln dem Buch «Alice im Wunderland» entnommen zu haben scheint.»

Wortgefechte mit Buchtiteln

Wütend schnappten die Banker zurück. Die ehrenwerten Herren Bischöfe hätten keine Ahnung vom Finanzbereich, war der Tenor der Reaktionen. Es habe keinen Zweck, auf Shortsellers – auf Leerverkäufer – einzuprügeln, rügte das Leib- und Magenblatt der Londoner City, die «Financial Times». Mit ihren «Canterbury-Geschichten» führten die Kirchenleute die Öffentlichkeit in die Irre. Es sei Zeit, dass die City erkläre, «dass ein Kapitalismus, der auf Risiko baut, keine Sünde ist».

Doch viele Briten stimmen mit Erzbischof Sentamu überein, dass «etwas geschehen» müsse. Was der Würdenträger aus York nicht bedachte, war das Detail, dass seine Kirche als erste unter die Lupe käme – und kein allzu gutes Bild abgeben würde. Auch die englische Staatskirche bedient sich nämlich fragwürdiger Methoden bei der Mehrung ihres Mammons.

Die umstrittenen Kirchengeschäfte

Von rund 5,7 Milliarden Pfund (umgerechnet 11,4 Mrd. Fr.) Gesamtvermögen sollen grosse Summen für Leerverkäufe freigegeben oder in Öl- und Bergwerksaktien angelegt worden sein. Die Rentenkasse der Anglikaner soll in einen Londoner Hedge Fund investiert haben, der Shortselling mit Währungskursen betrieb. Und andere Gelder sollen in Hypothekengeschäfte geflossen sein, die aus persönlichen Schulden Profit schlugen.

Die Kirche weist die Anschuldigungen zurück: Mit echten Leerkäufen habe man nichts zu schaffen – alles Kirchenkapital sei «moralisch einwandfrei» angelegt. Tatsächlich warfen finanzielle Manöver der Kirche aber fast 10 Prozent Gewinnzuwachs pro Jahr ab. Allein durch spekulative Geschäfte mit Öl, Gold und Kupfer habe sich die Staatskirche enorm bereichert, meint der Direktor des liberalen Verbandes «Ekklesia», Jonathan Bartley.

Vielleicht, meint Bartley, sollten sich die Bischöfe überlegen, ob sie nicht «sauberer» investieren wollten – etwa in heimische Kooperativen und Wohnungsgenossenschaften, «zum Nutzen der Gesellschaft».

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