Genf nach Gewalt gegen Frauen «im Schockzustand»

Junge Männer prügelten in Genf fünf Frauen spitalreif – ein Opfer liegt im Koma. Zeugen schauten tatenlos zu. Für Sonntag sind Proteste angekündet.

«Das hätte auch mir passieren können»: Protest am Donnerstagabend in Genf gegen die Gewalt an Frauen.
Video: SDA-Keystone

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In Genf schockiert eine brutale Attacke auf fünf Frauen die Bevölkerung: Eine Gruppe von Männern prügelte diese spitalreif und schlug dabei noch auf die Opfer ein, als diese schon am Boden lagen. Der Angriff geschah am frühen Mittwochmorgen vor einem Nachtclub mitten in der Genfer Altstadt – offenbar grundlos, wie Zeugen berichteten. Zwei Tage danach sind zwei der Frauen immer noch im Spital, ein Opfer liegt im Koma. Die Täter sind flüchtig, die Polizei fahndet nach ihnen.

Die Genfer Bevölkerung ist gleichermassen schockiert und wütend, wie die lokalen Nachrichtenportale «Tribune de Genève», «Le Matin» und «20 minutes» berichten. Als erste Reaktion versammelten sich am Donnerstagabend rund 200 Personen am Tatort. «Das hätte auch mir passieren können», sagte eine 30-Jährige, die im Quartier arbeitet. Es sei schockierend, dass so etwas auch 2018 noch passieren könne.

Schläge für Zivilcourage

«Was hätte ich gemacht?», fragen sich nun die Genferinnen, nachdem die Details des Angriffs bekannt wurden. Beim Verlassen des Nachtclubs wurde zuerst nur eine Frau hinterrücks von den Männern angegriffen, als sie die Treppe zur Strasse herunterging. Der Angriff kam gemäss Zeugen aus dem Nichts. Vier andere Frauen wollten dem Opfer zu Hilfe eilen und wurden daraufhin ebenfalls verprügelt. Andere Anwesende sahen zu Beginn nur tatenlos zu, berichtet die Tribune de Genève heute, bis ein Mann einzuschreiten versuchte und auch Schläge abbekam. Erst als drei andere Männer zusammen intervenierten, flüchteten die Angreifer, kurz bevor die Polizei eintraf.

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Insbesondere die vier Frauen, die sich für das erste Opfer einsetzten, werden nun als Heldinnen gefeiert. Dass diese Helferinnen ebenfalls spitalreif geschlagen wurden, wirft bei vielen Genferinnen aber auch die Frage auf, ob sie künftig ähnlich handeln und einschreiten würden. Insbesondere da offenbar viele andere Zeugen die Täter gewähren liessen.

Öfter Aufruhr vor dem Nachtclub

Auch Anwohner reagierten nicht auf den Gewaltexzess, obwohl sie die Schreie hörten. Es gebe immer Aufruhr, wenn der Nachtclub schliesse, sagte ein Mann. Diesmal habe es zwar schon länger als sonst gedauert. Auch ein Rezeptionist eines nahen Hotels hörte den Lärm von der Strasse, die Schreie und wie die Männer einander schliesslich riefen «Lasst uns abhauen, die Polizei kommt». Es habe viele involvierte Personen gehabt, sagte er, die Polizei hatte aber auch der Rezeptionist nicht gerufen.

Bilder: Gewalt gegen Frauen schockt Genf

Bei den Tätern handelt es sich gemäss einer Augenzeugin, die dem Onlineportal «Le Matin» Auskunft gab, um etwa 18- bis 19-jährige junge Männer. Sie hätten das erste Opfer auf der Treppe von hinten gestossen, völlig grundlos. Die Frauen im Alter von 22 bis 33 Jahren wurden von den jungen Männern auch noch getreten und geschlagen, als sie am Boden lagen. Die Augenzeugin betreute nach eigenen Aussagen das erste Opfer nach dem Vorfall. Die über 30 Jahre alte Mutter soll in einer Blutlache am Boden gelegen haben.

Thema für den Frauenstreiktag

In Genf demonstrierten am Donnerstagabend rund 200 Personen gegen die Gewalt. «Wir sind empört darüber, was passiert ist, und verurteilen diese Gewalt, welche gegen die Frauen angewendet wurde», sagte Stefanie Prezioso von der Bewegung SolidaritéS Genf der Nachrichtenagentur sda. Nur die gemeinsame und permanente Mobilisierung könne Sexismus wirklich zurückdrängen.

Das Problem der Gewalt gegen Frauen soll auch am 14. Juni 2019 ein zentrales Thema werden. Dann jährt sich der Frauenstreik von 1991 und es deutet sich an, dass nächstes Jahr eine Neuauflage stattfinden könnte.

Kundgebungen für Sonntag geplant

Bereits am Sonntag, 12. August, wird es in verschiedenen Schweizer Städten Kundgebungen aufgrund des Vorfalls geben, wie Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt. In Bern, Basel, Zürich, Genf und Lausanne werde es um 17 Uhr regionale Proteste geben, mit unterschiedlichem Programm. In Funiciellos Heimat Bern werden Ständeräte auf dem Bundesplatz am Redepult stehen, sagt sie.

Man müsse sich nun solidarisieren und zeigen, dass keine Gewalt gegen Frauen toleriert wird. «Es muss sich etwas verändern – jetzt!», heisst es darum bei der Juso Schweiz hinsichtlich der Proteste vom Sonntag.

«Zu viele Frauen sterben jedes Jahr durch Männergewalt, in diesen Bereich wird aber zu wenig Geld für die Prävention investiert», sagt Juso-Präsidentin Funiciello. Gerade für junge Frauen sei das ein wichtiges Thema, sie würden von der Gewalt geprägt, nicht nur von physischer, auch von psychischer, verbaler Gewalt.

Die einzelnen Kundgebungsorte werden via Facebook und andere soziale Medien unter #allefüreine verbreitet. Bekannt sind bereits: In Bern auf dem Bundeshausplatz, in Zürich auf dem Bürkliplatz. Funiciello denkt, dass der Angriff auf die Frauen in Genf mit den ersten Protesten in Genf am Donnerstagabend und der gesamtschweizerischen Solidarisierung am Sonntag ein Zündungsmoment hinsichtlich des 14. Juni 2019 sein könnte.

Ohrfeige sorgte in Frankreich für Aufsehen

Vor dem Vorfall in Genf sorgte in Frankreich eine Attacke auf eine Frau für Empörung, die von einer Überwachungskamera festgehalten wurde. Ein Mann ohrfeigte sein Opfer dabei auf offener Strasse, nachdem er sie zuerst beleidigt und die Frau sich mit den Worten «Halt dein Maul» gewehrt hatte.

Video: Unfassbare Szenen

Dieses Video hat in Frankreich für Diskussionen gesorgt: Ein Mann ohrfeigt eine Frau auf offener Strasse. (Storyful/Tamedia)

Im Genfer Fall hat die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung eingeleitet. Die Polizei sucht Zeugen und Beweismaterial von Personen, die den Angriff fotografiert oder auf Video aufgenommen haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 11:02 Uhr

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