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Messerstecher von Köln war unter Rechtsextremen

Ein Mann attackierte die parteilose Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Köln, Henriette Reker, mit einem Messer. Sie wurde schwer verletzt, ist aber ausser Lebensgefahr.

Die Politikerin befindet sich ausser Lebensgefahr: Ein Polizist am Tatort in Köln. (17. Oktober 2015)
Die Politikerin befindet sich ausser Lebensgefahr: Ein Polizist am Tatort in Köln. (17. Oktober 2015)
Keystone
Mehrere Polizeibeamte sind vor Ort, der Täter konnte verhaftet werden. (17. Oktober 2015)
Mehrere Polizeibeamte sind vor Ort, der Täter konnte verhaftet werden. (17. Oktober 2015)
Keystone
Die Juristin kann bei der Wahl auf eine breite Unterstützung durch CDU, FDP und Grüne zählen.
Die Juristin kann bei der Wahl auf eine breite Unterstützung durch CDU, FDP und Grüne zählen.
Twitter/Henriette Reker
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Der Mann, der am Samstagmorgen in Köln die parteilose Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker niedergestochen hat, soll sich Anfang der 90er Jahre in den Reihen der später verbotenen rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP) engagiert haben, berichtete «Spiegel Online».

Sowohl 1993 als auch 1994 habe der mutmassliche Täter offenbar an Rudolf-Hess-Gedenkmärschen in Fulda und Luxemburg teil. Die FAP galt als besonders aggressive Neonazi-Partei, aus deren Reihen auch rassistische Gewalttaten verübt wurden. Der Verdächtige soll am Samstag einen Tag vor der Oberbürgermeister-Wahl die parteilose Kandidatin Henriette Reker an einem CDU-Wahlkampfstand niedergestochen haben. Er wurde noch am Tatort in Köln-Braunsfeld festgenommene. Nach Polizeiangaben nannte er Fremdenfeindlichkeit als Motiv. Allerdings schlossen die Ermittler eine psychische Störung bei dem Mann nicht aus.

Die Sicherheitsbehörden konnten den Verdächtigen dem Bericht zufolge in ihren Datenbeständen bislang nicht finden. «Wir haben keine Erkenntnisse zu seiner Person», sagte Kölns Kripochef Norbert Wagner. Der mutmassliche Täter soll in seiner Vernehmung ausgesagt haben, er sei vor 20 Jahren in der rechten Szene aktiv gewesen, seither aber nicht mehr. Zuletzt sei er jedoch mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet aufgefallen, wie aus den Behörden verlautete. Die OB-Wahl findet trotz des Attentats am Sonntag statt.

Reker ist als Kölner Sozialdezernentin auch für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Stadt zuständig. Wegen des vermuteten Hintergrunds übernahm bei der Staatsanwaltschaft Köln die Abteilung für politisch motivierte Straftaten die Ermittlungen, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Jakob Klaas auf der Pressekonferenz sagte. Der zuständige Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn sagte, neben dem mutmasslichen fremdenfeindlichen Motiv stehe auch der Gesundheitszustand des 44-Jährigen im Fokus. Noch im Laufe des Tages werde der Mann psychiatrisch untersucht.

Täter machte einen verwirrten Eindruck

Reker war am Morgen auf einem Wochenmarkt im Stadtteil Braunsfeld an einem CDU-Stand aufgetreten. Nach dem Angriff kurz nach neun Uhr wurde sie in ein Kölner Krankenhaus gebracht und nach Angaben der Stadtverwaltung dort notoperiert. «Nach ersten Erkenntnissen besteht keine Lebensgefahr», hiess es in einer Mitteilung der Stadt.

Als die Polizei eintrifft, ist der Täter bereits festgenommen: Ein Bundespolizist, der sich in seiner Freizeit auf dem Wochenmarkt aufgehalten hat, stellt den 44-Jährigen, wie Ermittlungsleiter Norbert Wagner später mitteilen wird. Der Attentäter leistet keinen Widerstand. Bei sich führt er eine grosses Bowiemesser mit langer Klinge und ein Butterflymesser. Mit dem Bowiemesser hatte er der 58-jährigen Reker eine Wunde am Hals zugefügt. Eine weitere Frau verletzt er schwer, drei Menschen kommen mit leichteren Blessuren davon.

Wer ist der Mann, der einen Tag vor der Oberbürgermeister-Wahl in Köln dieses erschütternde Attentat verübt hat? Am Nachmittag, sechs Stunden nach der Tat, wissen die Ermittler noch wenig über ihn. Er stammt aus dem Stadtteil Nippes, ist Deutscher und lebt seit mehr als 15 Jahren in Köln. Nach eigenen Angaben ist er seit mehreren Jahren arbeitslos und lebt von Hartz IV-Geldern. Nachbarn beschreiben den früheren Maler und Lackierer als «unauffälligen Zeitgenossen», wie der Kriminaldirektor Wagner berichtet.

«Ich rette Messias»

Für die Polizei war der Mann bislang ein unbeschriebenes Blatt. Doch im Polizeiverhör gibt der 44-Jährige nach Angaben Wagners unumwunden zu, Reker «gezielt und bewusst» angegriffen zu haben - «aus fremdenfeindlichen Motiven», wie der Ermittlungsleiter weiter berichtet.

Gemäss dem Kölner «Express» habe der Mann vor dem Angriff habe der Mann gerufen: «Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie Euch von solchen Leuten.» Nach der Attacke sei er dann ganz ruhig stehengeblieben und habe gesagt: «Ich musste es tun. Ich schütze Euch alle.»

Psychiatrische Untersuchung soll Aufschluss bringen

Doch was von diesen Aussagen des Mannes zu halten ist, können die Ermittler zunächst schwer einschätzen. Denn auch eine psychische Störung schliessen sie bei dem Täter nicht aus. Aufschluss soll eine psychiatrische Untersuchung des Mannes bringen, der Medienberichten zufolge auf Augenzeugen des Attentats einen verwirrten Eindruck machte.

«Er sagt, er sei vor 20 Jahren politisch aktiv gewesen», berichtet der Kriminaldirektor. Ob sich der 44-Jährige in einer politischen Partei oder Gruppierung betätigte, wissen die Ermittler zunächst nicht. Derzeit gebe es jedenfalls «keine Hinweise auf eine Parteizugehörigkeit des Mannes», sagt Wagner.

CDU-Politiker Jürgen Strahl, der Augenzeuge des Angriffs wurde, sagte gegenüber «bild.de», der Angreifer habe zwei Messer dabei gehabt, «ein 20 Zentimeter langes Militärmesser und ein Messer mit einer kleineren Klinge.» Wortlos habe er auf die Politikerin eingestochen. «Dann griff er weitere Leute an, die ihr zu Hilfe kommen wollten.» Nach der Tat sei der Täter an einer Ampel stehen geblieben und habe gewartet. Der Angriff habe rund fünf Minuten gedauert. Der etwa 30- bis 40- jährige Angreifer wurde noch am Tatort festgenommen.

Reker und ein weiterer Mensch seien schwer verletzt worden, auch die anderen drei Angegriffenen befänden sich in ärztlicher Behandlung, bestätigte die Polizei. Rekers Mitarbeiter Frederik Schorn sagte der Nachrichtenagentur dpa, auch ein Mitarbeiter des Wahlkampfteams der Oberbürgermeister-Kandidatin sei verletzt worden. «Unser Wahlkampf ist eingestellt», sagte Schorn.

Kurz nach dem Angriff äusserte sich der amtierende Kölner Bürgermeister gegenüber «KölnTV». Ersten Informationen zufolge sei die Luftröhre betroffen, sagte Jürgen Roters. Nach einer Operation wisse man mehr über den Zustand Rekers.

Die Politikerin befinde sich ausser Lebensgefahr, teilt ihr Umfeld via Twitter mit.

«Die Operation von Frau Reker ist sehr gut verlaufen», teilte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, am Abend mit. «Wir haben keinen lebensbedrohlichen Zustand mehr.»

Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik, sagte zur Prognose für die 58-jährige Reker: «Wir halten zum jetzigen Stand und bei normalem Verlauf die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit von Frau Reker für wahrscheinlich.» Die Ärzte wollten sich frühestens am Sonntagnachmittag wieder zum Zustand Rekers äussern, sagte ein Sprecher der Uni-Klinik.

Reker sei nach dem Vorfall ansprechbar gewesen.

Die Tat ereignete sich im westlichen Stadtteil Braunsfeld. Zum Hintergrund des Angriffs gab es zunächst keine Informationen.

Konkurrent setzt Wahlkampf aus

Reker, derzeit Sozialdezernentin in Köln, ist eine der aussichtsreichen Kandidaten bei der Oberbürgermeisterwahl am Sonntag. Die parteilose Politikerin wird von Grünen, CDU und FDP unterstützt. Neben Reker werden auch dem SPD-Mann Jochen Ott Chancen auf das Amt attestiert. Ott hat kurz nach dem Angriff auf seine Konkurrentin auf Facebook angekündigt, seinen Wahlkampf auszusetzen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die Messerattacke als «unfassbare, abscheuliche Tat». «Gedanken sind bei den Verletzten», schrieb der Minister im Kurznachrichtendienst Twitter.

Gerade erfahre ich vom Attentat auf meine Mitbewerberin Henriette Reker.Ich bin zutiefst bestürzt und drücke ihr von...Posted by Jochen Ott on Saturday, October 17, 2015

Insgesamt treten am Sonntag sieben Kandidaten an. Die ursprünglich für den 13. September geplante Wahl war wegen fehlerhafter Stimmzettel um fünf Wochen verschoben worden.

Im Zuge der weiteren Nachforschungen wird nun auch zu klären sein, ob der Täter den Messerangriff womöglich von langer Hand geplant hat. Bedrohungen der Kandidaten im aktuellen Kölner Oberbürgermeister-Wahlkampf gab es jedenfalls nach Erkenntnissen der Behörden bislang nicht, sagt Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers. «Es waren keine Drohungen gegen Frau Reker bekannt.»

AFP/rre

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