Der Wal, der allen Rätsel aufgab

Hvaldimir eroberte die Herzen der Norweger und wurde der Spionage verdächtigt. Jetzt hat er sich verabschiedet.

Da war Hvaldimir noch nicht untergetaucht. Foto: Jorgen Ree Wiig (Reuters)

Da war Hvaldimir noch nicht untergetaucht. Foto: Jorgen Ree Wiig (Reuters)

Kai Strittmatter

Wenn er wirklich ein Spion war, dann ein verdammt schlauer. Hvaldimir, der Belugawal, der Ende April vor der Küste des Nordkaps auftauchte, eroberte die Sympathien der Norweger im Sturm und hatte sogar ein Rendez-vous mit der Premierministerin Erna Solberg, die vergangenen Monat am Rande desHafenbeckens von Hammerfest niederkniete, um ihm einen Hering ins Maul zu schieben.

Ein mysteriöser Belugawal war er, einer, der von sich aus die Nähe der Menschen dort oben gesucht hatte, weil er offenbar Hilfe benötigte. Und so befreiten sie ihn von dem ihm umgeschnallten Brustgeschirr, begannen ihn zu füttern, spielten mit ihm und gaben ihm einen Namen: «Hvaldimir» nannten sie ihn in Anspielung auf den russischen Präsidenten. Den Verdacht nämlich ist der Belugawal bis heute nicht ganz losgeworden: dass er aus Russland stammt, dort trainiert wurde und dann nach Norwegen herübergeschwommen war.

Gerüchte über die Herkunft

Die Kamerahalterung, die am Brustgeschirr befestigt war, gab den Gerüchten Nahrung, er sei vielleicht einer jener berüchtigten Wale, die die Russen zu militärischen Zwecken ausbilden. Später meldete sich dann ein Zeuge, der in ihm einen alten Bekannten erkannt haben wollte: einen Belugawal, der einst in einem Wassersportzentrum nahe Murmansk eingesetzt worden war zur Therapie von Kindern mit psychischen Erkrankungen.

Ob Spionage- oder Therapiewal, den Norwegern wars bald egal. Sie erfreuten sich an Hvaldimirs Zutraulichkeit und an seinen Kunststückchen, und sie litten mit, wenn es ihm einmal ein Wochenende lang nicht gut zu gehen schien: Hatte ihn jemand falsch gefüttert? Schnell fanden sich Freiwillige, die die Verpflegung des Wals generalstabsmässig organisierten (20 Kilo fetter Hering am Tag) und dafür auch Spenden sammelten.

Ohne Hilfe nicht lebensfähig

Die Helfer stritten sich bald mit jenen Meeresbiologen und Kritikern, die von Anfang an den Standpunkt vertraten, solche Nähe zu Menschen sei unnatürlich für einen Wal, das Tier solle doch bitte nicht verlernen, sich selbst zu versorgen. Die Debatte ist am Wochenende wieder ausgebrochen, vielleicht aber auch schon entschieden. Denn Hvaldimir ist weg. Ist Ende vergangener Woche verschwunden aus dem Hafen von Hammerfest. «Mein Herz ist gebrochen», schrieb am Wochenende Eve Jourdain, eine der Helferinnen der Organisation Norwegian Orca Survey, auf Facebook. Ihre Theorie: Menschen auf einem Boot hätten ihn vielleicht aus dem Hafen gelockt oder vertrieben. Dem staatlichen Sender NRK sagte sie, Hvaldimir sei kein wilder Wal: «Er kann selbst keinen Fisch fangen. Um zu überleben, braucht er menschliche Hilfe.» Die Helfer überlegen, wie man ihn wieder zurück in den Hafen locken könnte – eine Überlegung, die die Kritiker der anderen Seite als Unsinn angreifen. Der Wal sei dort lediglich «zur Unterhaltung» ohne ausreichende Sicherheitsmassnahmen missbraucht worden, meinte etwa der Lokalpolitiker Claus Jørstad von der Fortschrittspartei.

Hvaldimir selbst kann man dazu nicht mehr befragen. Zuletzt wurde er gesichtet in der Nähe von Altneset, mehr als 50 Kilometer entfernt von Hammerfest. Gut möglich, dass er nun untertaucht und seine Geheimnisse für immer mitnimmt.

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